Der Wortlaut

     Der Wortlaut 

  1. Was ist die Musik?

2. Joseph Haydn

3. Christoph Willibald Gluck

4. Mozart

5. Franz Liszt

6. Anton Bruckner

7. Gustav Mahler

8. Hugo Wolf

9. Arnold Schönberg

10. Alban Berg

11. Johann Nepomuk David

12. Gottfried von Einem

13. Richard Strauss

14. Ernst Krenek

15.Ludwig van Beethoven

16. Johannes Brahms

17. Die Literatur  
Was ist die Musik?

     Was ist die Musik? Diese Frage steht zwischen Gedanken und Erscheinung; als dämmernde Vermittlerin steht sie zwischen Geist und Materie; sie ist beiden verwandt und doch von beiden verschieden; sie ist Geist, aber Geist, welcher eines Zeitmaßes bedarf; sie ist Materie, aber Materie, die des Raumes entbehren kann.

        Wir wissen nicht, was Musik ist. Aber was gute Musik ist, 
das wissen wir, und noch besser wissen wir, was schlechte 
Musik ist; denn von letzterer ist uns eine größere Menge zu 
Ohren gekommen. 

      Nichts ist unzulänglicher als ein Theoretisieren in der Musik; hier gibt es freilich Gesetze, mathematisch bestimmte Gesetze, aber diese Gesetze sind nicht die Musik, sondern ihre Bedingnisse, wie die Kunst des Zeichnens und die Farbenlehre oder gar Palette und Pinsel nicht die Malerei sind, sondern nur notwendige Mittel. Das Wesen der Musik ist Offenbarung, es läßt sich keine Rechenschaft davon geben.

     Die schnelle Entwicklung der Nachrichten-Übermittlung und der Reisemöglichkeiten in unserem Jahrhundert blieben auch für die Kunstformen nicht ohne Auswirkung. Wir beobachten in der Fortführung der «klassischen» (auch «komponierten» oder «ernsten») Musik ähnliche Entwicklungen in vielen europäisch«?» Ländern und in den USA. Typische nationale Ausprägungen sind nicht mehr feststellbar. Dafür gibt es seit den sechziger Jahren Einflüsse aus arabischer, afrikanischer und asiatischer Musik.

  Ab der Mitte unseres Jahrhunderts gingen immer mehr Komponisten dazu über «grafische Notationen» anstelle der Notenschrift zu gebrauchen.

  Diese Zeichungen lassen dem spielenden Musiker mehr Freiheit - er kann selbst bestimmen, welche Töne er spielt. Diese Entwicklung trieb der Amerikaner John Cage auf die Spitze, indem er «Zufallsmusik» schrieb, für deren Aufführung er manchmal keine Musiker, sondern Tonbänder oder Radiogeräte benötigte. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Joseph Haydn (1732-1809)

 Der große österreichische Komponist Haydn ist am 31. März 1732 in Rohrau geboren. Im Kirchenbuch der Gemeinde Rohrau wurde die Geburt von Franziskus Jose-phus Haydn unter dem 1. April 1732 verzeichnet. Haydn selbst gibt den 31. März als Datum an. Den Grund für diesen Widerspruch erklärte er solcherweise: „Ich bin am 1. April geboren und so steht es in meines Vaters Hausbuch eingeschrieben — aber mein Bruder Michael behauptet, ich sei am 31. März geboren, weil er nicht will, dass man sage, ich sei als Aprilnarr in die Welt getreten".

     Haydn ist in der Familie eines Dorfhandwerkers geboren. Sein Vater Mathias Haydn war Wagner und zugleich Marktrichter.

     Haydns Eltern waren einfach und tugendhaft. „Meine Eltern haben mich schon in der zartesten Jugend an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnt; diese beiden Dinge sind mir zur zweiten Natur geworden", — erinnerte sich der Komponist später.

     Man behauptet mit Recht, dass viele typische Charakterzüge in seiner Herkunft begründet liegen: die Verbindung von Güte und Selbstbewusstsein oder das kluge Handeln in wirtschaftlichen Dingen. Frau Anna Haydn war eine Zeitlang als Köchin der gräflichen Familie Harrach im Rohrauer Schloß beschäftigt, wo später auch Joseph und sein gleichfalls hochmusikalischer und später in Salzburg als Komponist bedeutend gewordener Bruder Michael oft Gäste waren. Graf Harrach hat auch später als kunstsinniger Mann den Werdegang Joseph Haydns aufmerksam verfolgt. Vor allem seit dem Jahre 1755, als der 23-jährige Musiker bei einem Besuch im Schloß einige Kompositionen vortrug. Graf Harrach hat im Jahre 1793 als begeisterter Verehrer des inzwischen zu größtem Ansehen gelangten einstigen Untertanen seiner Familie noch zu Lebzeiten des Meisters dem großen Symphoniker im Rohrauer Schlosspark das erste Haydn-Denkmal gesetzt. Bei einem Besuch soll Haydn halblaut zu seinem getreuen Diener Josef Elßler lächelnd gesagt haben: „Sagen S'einmal, schau'ich wirklich so merkwürdig aus"?

     Als alter Herr zeigte der berühmt, erfolgreich und wohlhabend gewordene Handwerkersohn aus Rohrau besonders gern eine silberne Schnupftabakdose, die ihm hier einst geschenkt wurde: „Das war mein erstes Komponistenhonorar in blankem Silber"! Denn Joseph Haydn war zeitlebens stolz auf seine einfache Herkunft. Sein Geburtshaus ist heute Haydn — Gedenkstätte.

     Die ersten musikalischen Eindrücke empfing er vom volkstümlichen, häuslichen Musizieren des Vaters. Sein Vater konnte Harfen spielen. Das häusliche Musizieren fand jeden Abend statt. Sicher war das der Ausgangspunkt für die Entwicklung von Joseph Haydns musikalischem Genie.

      Als der junge Joseph heranwuchs, bekam er eine schöne Stimme, die im ganzen Dorf gerühmt wurde. Dieses Geschenk der Natur bestimmte das Schicksal des kleinen Dorfjungen.

     2 Jahre verbrachte Joseph Haydn bei einem entfernten Verwandten in der kleinen Stadt Hainburg, der als Schullehrer und Chorleiter wirkte. Der Knabe sang im Kirchenchor. Im Alter von acht Jahren kam Joseph Haydn nach Wien. Dort wurde er Sängerknabe an der Kantorei St. Stephan.

     Die Knaben wurden im Gesang unterrichtet. Außerdem war das Studium der Geige und der Tastinstrumente obligatorisch, ihnen wurde auch das Lesen und Schreiben beigebracht. Tatsächlich beanspruchte der Gottesdienst die meiste Zeit und ließ den Kindern wenig Zeit für das Studium... Kein Wunder, dass die Allgemeinbildung Haydns zu wünschen übrig ließ. Sein Deutsch blieb zeitlebens auf den Dialekt seines Heimatdorfs beschränkt.

     Als seine Stimme mutierte, mußte Haydn seine Stellung als Chorknabe aufgeben. Der Siebzehnjährige wurde im November auf die Straße gesetzt. Er verbrachte eine Nacht im Freien und irrte ohne einen Pfennig in der Tasche durch die Straßen Wiens. Zufällig traf er den Messner von St. Michael, der sein guter Engel wurde. Er verschaffte dem Jungen Unterkunft in der Dachkammer eines großen Hauses im Zentrum der Stadt. Diese Kammer existiert nicht mehr, weil später ein weiteres Stockwerk aufgebaut wurde. Der arme Haydn muß hier erbärmlich gefroren haben, weil es keinerlei Heizmöglichkeiten im Zimmer gab. Er brachte sich in dieser Zeit nur kümmerlich durch, indem er Klavier- und Gesangsunterricht gab.

     Da er von seinen Eltern keinerlei Unterstützung erhalten konnte, blieben ihm nur zwei Möglichkeiten: entweder in einen religiösen Orden einzutreten oder, was alle armen Musiker tun: die Arbeitsmöglichkeiten in der sogenannten Unterhaltungsmusik auszunützen. Er wählte sofort den zweiten Weg. Bearbeitungen, leichte Kompositionen, Klavierstunden verschafften Joseph Haydn nur einen bescheidenen Lebensunterhalt. Er spielte als Geiger in den kleinen Orchestern mit, an denen im musikfreudigen Wien des 18. Jahrhunderts keinen Mangel war. Diese Kapellen musizierten im Winter bei den Bällen, im Sommer auf den Straßen. Aus dieser Zeit stammen die meisten Cassationen, Notturnos und Divertimenti Haydns, von denen bisher nur einige herausgegeben sind.

     Der Zufall, der in Haydns Jugend wirklich oft sein Schicksal lenkte, ließ den Italiener Metastasio ins Haus einziehen, wo in der Dachwohnung Haydn wohnte. Er war ein guter Librettist und bekleidete die Stellung eines kaiserlichen Hofpoeten Seine Hauptaufgabe bestand in der Organisation von Vernügungen für den Hof. Auf seine Empfehlung wurde Haydn eine Art Schüler vom berühmten Komponisten Porpora. Von Porpora wurde Haydn in der Komposition unterrichtet. Diese Unterweisungen warten die einzigen seines hauptsächlich autodidaktischen Studienganges. 1759 wurde Haydn als Musikdirektor der Privatkapelle vom Grafen Morzin angestellt. Im Jahre 1760 heiratete er, aber heimlich, weil er nach seinem Vertrag ledig bleiben musste. Er hatte in Wien die beiden Töchter des Perückenmachers Keller unterrichtet und sich in die jüngere verliebt, die aber seine Liebe nicht erwiderte und ins Kloster ging. Um sich zu trösten und Keller einen Gefallen zu tun, heiratete er die Älteste. Das geschah am 6. November 1760. Er war achtundzwanzig, sie zweiunddreißig Jahre alt. Anna Maria galt in der Nachwelt als zänkische Ehefrau, die ihren Mann nicht verstand. „Ihr ist es gleichgültig, ob ihr Mann Schuster oder Künstler ist", — schrieb bitter Haydn über seine Frau. Die Ehe blieb kinderlos. Dieses 40 Jahre währende Nebeneinanderleben war leider nicht glücklich.

     Graf Morzin löste seine Kapelle bald auf. Haydn wurde wieder vorübergehend stellungslos, jedoch war er bereits so bekannt, dass er noch 1761 als zweiter Kapellmeister vom Fürsten Paul Anton Esterhazy an dessen Hof nach Eisenstadt berufen wurde. Dieser Umstand bedeutete für Haydn einen Aufstieg zu Ansehen, gesicherter Existenz und breitem künstlerischem Entfaltungsraum.

     Am 1. Mai 1761 wurde in Wien der Vertrag zwischen Haydn und dem Sekretär des Fürsten abgeschlossen. Die vierzehn Para graphen dieses Vertrages banden ihn vollständig an seine neue Tätigkeit. Haydn verpflichtete sich, sofort jede Komposition zu schreiben, die der Fürst von ihn verlangen wird. Er darf seine Musik niemandem mitteilen, diese kopieren lassen und ohne Erlaubnis für niemand anderen komponieren. Über 30 Jahre lang war Haydn im Dienste vom Fürsten Esterhazy. Für den Musiker jener Zeit wie auch nach der Mitte des 18. Jahrhunderts war es selbstverständlich, auf Auftrag zu komponieren. Die Pflege einzelnere Musikgattungen und selbst die Art und Weise dieser Pflege wurden weitgehend vom Auftraggeber bestimmt. Haydn schrieb Kirchenwerke, kleine Opern und Kammermusik. Im Laufe der siebziger Jahre verlagerte sich das Zentrum seines künstlerischen Interesses auf den vokalen Bereich. Erhabene Monumentalität, die sich aus einer barocken Tradition herleitet, gelang Haydn in zwei großen kirchlichen Werken: in der „Cäcilienmesse" und im Oratorium „II Ritorno di Tobia".

     1766 wurde ein „ungarisches Versailles", das Schloß Esterhäz, südlich des Neusiedlersees gelegen, zur neuen, bevorzugten Residenz des Fürsten Nikolaus. Die nunmehr größere Prachtentfaltung belebte auch den Anteil der Musik im Hofleben. Es war in Esterhäz ein eigenes Opernhaus errichtet worden. So tratt die Gattung Oper in Haydns Gesichtskreis. In dieser Zeit schuff er auch einige Opern. Dabei war der Einfluß verschiedener italienischer Zeitgenossen und der Werke von Gluck besonders spürbar. Im Opernschaffen steht Haydn zwischen den ihn überragenden Opernmeistern Gluck und Mozart.

      Das war die Zeit seines Aufbruchs zu einer neuen Ausdruckskunst. Das neue Grunderlebnis, sein persönliches Ich in Musik auszudrücken, erprobte Haydn in der Sinfonie und in zwei weiteren instrumentalen Gattungen, der Klaviersonate und dem Streichquartett „Haydn, der Vater des Streichquartetts," wurde der erste Meister der sogenannten „Wiener Klassik". Haydns Leben war nicht reich an großen Reisen und persönlichen Kontakten mit führenden Komponisten seiner Zeit. Von den Wünschen seines Fürsten und den Zeitströmungen in den groben Konturen bestimmt, gestaltete sich Haydns künstlerischer Weg sehr wechselvoll. Es kam zu Gegeneinladungen nach Wien, Aufführungen in aller Welt, schließlich zu den ersten gedruckten Ausgaben von Werken Haydns. Haydn war eine europäische Größe, in der musikalischen Welt anerkannt, doch in seinem Wirkenskreis ein

bescheidener Fürstendiener. Dank seiner bevorzugten Stellung am Hof des Fürsten Esterhäzy lebte Haydn zwar nicht gerade im Wohlstand, aber wenigstens in recht guten materiellen Verhältnissen. Dagegen hatte er wenig Anteil am musikalischen Geschehen in der Hauptstadt. Gelegentliche Besuche in Wien brachten dem Komponisten zwar Anregungen, jedoch längst nicht die erhofften Erfolge: in Wien war Haydn der Kapellmeister aus der Provinz. Das änderte sich erst 1790, als Nikolaus Esterhäzy starb und sein Nachfolger die gräfliche Kapelle auflöste. Er behielt Haydn als treuen Diener, stellte es ihm jedoch frei, Angebote aus aller Welt anzunehmen. Haydn verließ noch in diesem Jahr Wien und fuhr nach London. Als Haydn die Einladung von seinen englischen Verlegern bekam, riet ihm Mozart noch von der Reise ab, weil er kein Englisch konnte. Hay-dns berühmt gewordene Antwort lautete: „Meine Sprache versteht man auf der ganzen Welt." Tatsächlich wurde er als eine Berühmtheit gefeiert. 1792 kehrte er nach Wien zurück und war „der" Haydn, bei dem sich Beethoven als Schüler eintrug und Musiker aus allen Ländern wenigstens zu kurzen Studienbesuchen pilgerten. Noch im Jahre 1781 schloß er Freundschaft mit Mozart, der ihm ein wahrlich bewegendes Kompliment machte: „Keiner kann alles, schäkern und erschüttern, Lachen erregen und tiefe Rührung, und alles gleich gut als Haydn." Mozart widmete seinem väterlichen Freund die „Haydn"-Quartette.

     1794 machte Haydn seine zweite große Reise nach London, die ihm wiederum Ruhm und entsprechende finanzielle Erträge einbrachte, doch ein Angebot König Georg III. an Haydn, in London eine Stellung anzunehmen, wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. 1795 ließ Graf Esterhäzy wieder eine Kapelle zusammenstellen und sich von Haydn Kompositionen liefern. Es brach Haydns letzte große Schaffensperiode an.

      In dieser Zeit entstanden die meisten bedeutenden Werke: die zwölf „Londoner Symphonien", „Die Schöpfung" (1798), „Die Jahreszeiten " (1801) sowie das „ Gott erhalte ", das „Kaiserlied".

Mit seinem Streichquartett in C-Dur, dem „Kaiserquartett", hat Haydn 1797 die Nationalhymne von Österreich geschrieben. Diese Hymne wurde mit dem Text „Gott erhalte, Gott beschütze unseren Kaiser, unser Land" bis 1918 gesungen und ab 1929 wiederum, diesmal mit einem anderen Text: „Sei gesegnet ohne Ende, Deutsche Hei mat wunderhold!" Auch die Nationalsozialisten verwendeten die Melodie Joseph Haydns — als „Deutschland-Lied", unterlegt mit dem Text „Deutschland, Deutschland über alles". Die durch die Nationalsozialisten diskreditierte Melodie kam deshalb für das neue Österreich nach 1945 als Staatshymne nicht mehr in Frage. Seit 1947 ist die Hymne „Land der Berge, Land am Strome" — von Paula von Preradovic getextet — die offizielle österreichische Bundeshymne.

     Die letzten Jahre seines Lebens blieb Haydn als vielgeehrter und von der Gesellschaft anerkannter altere Mann in Wien, lebte in seinem eigenen Haus in der Wiener Vorstadt und empfing Besuche. Den meisten präsentierte er sich als ein Überlebender einer Legende, allen streckte er zuletzt eine Visitenkarte entgegen, die er sich hatte drucken lassen: „Hin ist alle meine Kraft, alt und schwach bin ich," — stand auf ihr zu lesen. Zu besonderen Anlässen erschien er noch in der Öffentlichkeit. Das war, zum Beispiel, bei einer berühmt gewordenen letzten Aufführung seiner „Schöpfung". Als das Publikum sich nach der Aufführung um den greisen Meister scharte, um ihm zu gratulieren, war darunter auch ein etwas untersetzter jüngere Mann mit wirrem Haar. Dieser kniete vor Haydn nieder und küsste ehrfurchtsvoll seine Hand. Haydn soll die Hand auf das Haupt des jungen Musikers gelegt und gesagt haben: „Was ich begann, wird er vollenden." Es war ein prophetisches Wort, denn der junge Musiker war Beethoven.

      1809 belagerte Napoleon Wien. Als die Armee Napoleons einmarschierte, befahl der Kaiser eine Ehrenwache vor das Haus des weltberühmten Komponisten aufzustellen und wenige Tage darauf wurden Strohballen unter die Fenster gestellt — der sterbende Meister sollte nicht vom Lärm der vorbeireitenden Pferde gestört werden. Am 31. Mai 1809 starb Joseph Haydn.

     Die französischen Offiziere waren auf Befehl ihres Kaisers angetreten, um, Schulter an Schulter mit den Wiener Bürgern, dem toten Haydn das Ehrengeleit bis zu seinem Grab zu geben.

     Napoleon senkte den Degen vor dem großen Künstler, der nicht nur einem Land, einer Nation, einem Fürsten oder Kaiser „gehörte", sondern der ganzen Menschheit.

      Nachdem Haydn gestorben war und begraben worden war, machte sich gleich in der ersten Nacht ein Totengräber an seinem Grab zu schaffen. Im Auftrag der Anhänger der Gall'schen „Schädellehre" hat er den Kopf vom Rumpf des Leichnams getrennt, den sie „im Dienste der Wissenschaft" an sich genommen haben.

     Franz Josef Gall war Arzt, lehrte in Wien und Paris und beschäftigte sich vor allem mit der Anatomie und Physiologie des Gehirns. Die Mitglieder der Gall'schen „Schädellehre" — griechisch „Phrenologie" — behaupteten, eine Beziehung zwischen der Form eines Kopfes und den geistigen und charakterlichen Eigenschaften seines Trägers herstellen zu können. Zu diesen wissenschaftlichen Zwecken brauchte man den Kopf von Haydn. Als 1820 auf Wunsch des Fürsten Nikolaus Esterhäzy der Leichnam Haydns aus seinem Grab exhumiert und nach Eisenstadt überführt wurde, um dort in der Bergkirche beigesetzt zu werden, entdeckte man zur allgemeinen Bestürzung, dass im Sarg hier ein Rumpf ohne Kopf lag. Lange Jahre verlief die Suche nach dem Kopf ohne Erfolg. 1895 stellte es sich her aus, das der Kopf an die „Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien gelangte, die die Reliquie in einem Glaskästchen in ihrem Museum ausstellte.

      Erst im Jahre 1954 entschlossen sich die „Musikfreunde", den einzig richtigen Akt der Pietät zu setzen. Sie trennten sich von ihrer Reliquie. In feierlicher Rundreise wurde der Kopf von Wien über Haydns Geburtsort Rohrau nach Eisenstadt gebracht. Dort wurde das Cranium dem Skelett wieder beigefügt und die sterblichen Überreste von Joseph Haydn wurden später nach gehöriger kirchlicher Zeremonie in dem weißen Marmorsarkophag zur letzten Ruhe gebracht. In der Bergkirche befindet sich das Haydn-Mausoleum.

     Das Haus, in dem Haydn wohnte, wurde zu Haydn-Museum. Jedes Jahr findet in Eisenstadt das Haydn-Musikfestival statt.

 

Christoph Willibald Gluck

       Der große österreichische Komponist Christoph Willibald Gluck ist am 2. Juli 1714 in Erasbach, in Oberpfalz, an der Grenze zu Böhmen geboren.

      Er stammt aus der Familie eines Försters, der im Dienste des Fürsten Lobkowitz stand. Überraschend schnell hat er sich selbständig gemacht: als Mensch und als Künstler. Gegen den Willen des Vaters wandte sich Gluck der Musik zu. Um sein musikalisches Talent zu entfalten, brannte er einfach von zu Hause durch. Offenbar erfolgte bald eine Aussöhnung mit dem Vater, aber dieses frühe Aufsichgestelltsein mag viel zur späteren Sicherheit beigetragen haben, mit der Gluck seinen Weg in die große Welt nahm. Er studierte an der Universität in Prag und verdiente sich später Brot als Wandermusikant in Böhmen. Nichts wissen wir über die musikalische Ausbildung Glucks, keiner seiner Musiklehrer ist bekannt.

Der Mailänder Aristokrat Antonio Melzi brachte 1736 den jungen Musiker nach Italien. In Mailand konnte sich Gluck die notwendigen Regeln strenger Satzkunst und der italienischen Opernkomposition aneignen. Bereits mit seiner ersten Oper hatte der junge Gluck Erfolg. Dadurch war seine Tätigkeit für die nächsten Jahre festgelegt: er wurde ein «compositore scritturato», ein berufsmäßiger Opernkomponist, der von den verschiedenen Theatern Opernaufträge annahm und sich gleichzeitig für die Einstudierung der Werke verpflichtete. Mit acht im neapolitanischen Stil geschriebenen Opern qualifizierte sich Gluck als ein schon damals über die italienischen Musikzentren hinaus berühmter Komponist. 1741 bekam er ein Angebot nach London. In den folgenden Jahren lernte er die italienische Opernpraxis in Deutschland kennen. Als zeitweiliges Mitglied der „Mingottischen Operntruppe" besuchte er fast ganz Europa auf Konzertreisen. Im Jahre 1750 heiratete Gluck Marianne Perg, die wohlhabende Bürgerstochter in Wien, und liess sich in Wien nieder. In dieser Zeit fand Gluck Gleichgesinnte, die ihm seine langsam heranreifenden neuen künstlerischen Ideen deuten und verwirklichen halfen. Die Wiener Jahre brachten dem Komponisten die soziale Sicherstellung und relative Unabhängigkeit. Dank der Mitgift seiner Frau, aber ebenso dank seiner weltmännischen Verbindungen zu verschiedenen Mitgliedern des Adels konnte Gluck es sich leisten, Fürstendienst abzulehnen und Aufträge nur nach persönlicher Neigung anzunehmen. Zehn Jahre lang war Gluck Kapellmeister des Hofburgtheaters. Gemeinsam mit dem Textdichter Ranieri de Cal-zabigi schuf er in den 60-er Jahren die ersten sogenannten Reformopern. Sie brachten ihm unter anderem den päpstlichen Titel eines „Kreuzherren vom goldenen Sporn" ein. Neu an diesen Opern war die dramatische und psychologische Wahrhaftigkeit der Texte und der dargestellten Figuren. Seine Werke schuf Gluck im Stile der „opera seria" und französischer Singspiele, doch strebte er stets nach Einfachheit und Natürlichkeit des dramatischen Ausdrucks.

      Für die Verwirklichung seiner Opernreformpläne war die Bekanntschaft mit Raniero die Calzabigi, einem begabten Librettisten, von besonderen Bedeutung. Calzabigi war eine Abenteuernatur. Umfassend gebildet, in verschiedenen Berufen tätig war er über Neapel und Paris nach Wien gekommen. In Paris hatte er die Vorzüge der italienischen und der französischen Oper aufgenommen und versuchte nun, in Wien seine Gedankengänge zu verwirklichen. Zum Ziel machte er die Verschmelzung italienischen und französischen Operngeistes im Lichte von Wahrheit und Natürlichkeit. Diese Tendenzen waren an sich nicht originell, sondern spiegelten im wesentlichen jene Ideen wider, die die Pariser Literatenkreise damals bewegten. Aber hier wurden sie von einem Literaten, der mit praktischem Sinn begabt war, vorgebracht und von einem wirklich erfahrenen Opernkomponisten begierig aufgenommen und in den Bereich der Realisierbarkeit gestellt. Man darf das Zusammentreffen dieser Männer als eine Sternstunde in der Geschichte der Oper ansehen. Gluck schuf drei Opern, die eine Entwicklung, die von Werk zu Werk dem klassischen Ideal näherkommt, markieren: „Orfeo ed Euridice" 1762, „Alceste" 1767, „Paride ed Helena" 1770. Da Gluck in Wien auf wenig Verständnis stieß, schrieb er weitere Werke in Paris, wohin ihn seine frühere Schülerin Marie Antoinette berief. Diese Werke, die, mehr oder weniger den Reformplänen verhaftet, ergänzen das imposante Opernschaffen Glucks. 

Mozart

(1756-1791)

       Der große österreichische Komponist Mozart wurde am 27. Januar 1756 in Salzburg geboren und tags darauf auf die Namen Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus getauft. Die Namen des Heiligen seines Geburtstages Johannes Chrysostomus trug er aber nicht. Nur Wolfgang und Theophilus wurden seine berühmten Vornamen. Zuerst in die italienischen Form, „Wolfgango Amadeo", und dann in der französischen Fassung „Amade", die er dem deutschen „Wolfgang" hinzufügte. Man sagt heute meist „Amadeus". Dieser Name bedeutet, dass sein Träger „gottgeliebt" war, was auf die Gnade seiner Berufung anspielen mag.

     Die Ahnen Mozarts stammen aus dem bayrischen Schwaben: aus der alten hügeligen Landschaft Reischenau nordwestlich von Augsburg. Seit 1330 ist der Name Motzhart in dieser Gegend bei Bauern, Salzsie-dern, Uhrmachern und Kunstmalern bekundet.

     Leopold Mozart, der Vater Wolfgangs, wurde als ältester Sohn des Buchbinders Johann Georg Mozart am 14. November 1719 in Augsburg geboren. Er ist nicht nur die dominierende Hauptfigur im Leben von Wolfgang Amadeus, sondern zugleich einer der charaktervollsten Männer überhaupt in der Reihe großer Väter und großer Söhne. Die Beziehung zwischen den beiden war vielschichtig, diese begann mit der zärtlichen Liebe des Sohnes und endete in einer Entfremdung.

      Um Leopold Mozart gerecht zu werden, muß man ihn vor dem Hintergrund seiner Zeit sehen. Leopold Mozart tat vieles für, seine Kinder nicht nur aus reiner Liebe, sondern auch aus Ehrgeiz und Berechnung. Aber die formende bestimmende Kraft dieses Mannes hat eine positive Rolle im Leben seines Sohnes gespielt.

      In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestimmte die patriarchalische Autorität des Familienoberhauptes die Beziehungen der Generationen untereinander. Die Kinder redeten ihre Eltern noch mit „Sie" an, sie hatten widerspruchslos zu gehorchen.

     Leopold Mozart war ein Mann von Willenskraft, Ausdauer und der Fähigkeit, sein Ziel beharrlich zu verfolgen.

     Diese Eigenschaften verhalfen ihm zu einer für seine Zeit ungewöhnlichen Bildung. Er studierte an der Universität in Salzburg Jura und Philosophie. Sein Studium schloß er nicht ab. Das lässt sich damit erklären, dass Leopold Mozart Musik als Beruf wählte. Im Jahr 1740 trat er in die Dienste des Grafen von Thurn und Valsassina, eines musikliebenden Domherrn in Salzburg.

     Leopold Mozart genoß schon in seiner Augsburger Gymnasialzeit den Ruf eines ausgezeichneten Geigers. Er sang und spielte im Chor des Jesuitengymnasiums, schuf einige Kompositionen, die später oft aufgeführt wurden. Bald wurde Leopold Mozart Hofkomponist. Von 1744 ab unterrichtete er die Kapellknaben im Violinspiel. Im Jahre 1756 erschien sein berühmtes Werk „Violinschule". Im Jahre 1763 wurde er Vizekapellmeister und im Jahre 1777 Klaviermeister am Kapellhaus in Salzburg.

     Leopold Mozart verstand als erster, welche Begabung in seinem Sohn heranwuchs, er übernahm dessen Ausbildung. Er war einer der ersten, der die Erziehung und Ausbildung des Sohnes bis in alle Details selber übernahm: den musikalischen Unterricht, die Unterweisung in den Sprachen und in den übrigen Grundfächern. Wolfgang hat nie eine Schule besucht. Der Vater reiste mit seinem Sohn, führte ihn in die große Gesellschaft ein, war ihm Reisemarschall, Impres-sario und mitkonzertierender Partner in einem. Leopold Mozart hat der Erziehung seiner Kinder seine eigene schöpferische Tätigkeit und eigentlich seine ganze musikalische Laufbahn geopfert.

      Bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr Wolfgangs waren Vater und Sohn Mozart aufs engste miteinander verbunden. In die ser ganzen Zeit sind sie höchstens für Tage und Wochen getrennt gewesen. Der Einfluß des Vaters blieb bis zu dessen Tod (1787) bedeutend.

      Die Mutter von Mozart stammte aus dem Salzkammergut. Sie wurde am 25. Dezember 1720 als Anna Maria Pertl geboren. Heiterkeit, Herzhaftigkeit und Herzensgüte waren ihre besten Eigenschaften, die sie in allen Lebensumständen (vor sieben Kindern blieben ihr nur zwei) tapfer bewahrte. Die elterlichen Anlagen waren bei Mozart glücklich aufeinander abgestimmt. Vom Vater hat Wolfgang Amadeus die Helle und Wachheit seines schnell reagierenden Verstandes, von der Mutter die Frohnatur, die sich in Schabernack, Hanswursterei äußerten.

      Die natürliche Musikalität von Mozart war erstaunlich. Von klein an wurde er gemeinsam mit seiner Schwester „Nannerl" als Instrumentalist geschult. Mit 3 Jahren ging er in die strenge Schule des Vaters. Mit 6 begann das Kind mit dem Konzertieren. Im Januar 1762 ging es an den Hof des bayrischen Kurfürsten nach München, dann an den Kaiserlichen Hof nach Wien. Dann reiste er an die Höfe von München, Mannheim, Paris, London, Den Haag. Es folgten die drei italienischen Reisen.

     Am 13. Oktober 1762 wurde der langersehnte Wunsch des Vaters Leopold erfüllt. Seinen Kindern, Wolfgang und Nannerl, wurde erlaubt, vor den kaiserlichen Majestäten, der Kaiserin Maria Theresia und ihrem Gemahl Franz Stephan, ihr musikalisches Können zu zeigen. Das geschah im Schloß Schönbrunn in Wien. Die Kinder wurden sehr freundlich aufgenommen, es gab sowohl große Bewunderung, als auch Anerkennung und Geschenke.

      Der junge Komponist wurde in Wien als Wunderkind der Kaiserin vorgeführt. Als Kind kannte Mozart keine Befangenheit. Er kletterte der Kaiserin auf den Schloß und küsste sie ab. Das Kind erklärte der Prinzessin Marie Antoinette, dass er sie heiraten wollte, weil sie ihm, als er auf dem glatten Parkett gestürzt war, beim Aufstehen geholfen hatte. Die sehr musikalische Kaiserin zeigte sich entzückt und völlig desinteressiert zugleich. Maria Theresia hat sich nie mehr um Mozart gekümmert. Wolfgang konnte kunstvoll kleine Stücke mit verbundenen Augen spielen, Töne erraten und die Natur imitieren. Der kleine Mozart trieb die Musiker, vor denen er spielen durfte, zur verwunderten Verzweiflung, denn sie begriffen, dass er nicht nur imitierte, wenn er nach einem kurzen Moment ihre eigenen Werke auswendig wiedergab und mit eigenen Zu taten ummodelte. Er war ein großes Naturtalent. In Salzburg komponierte der Elfjährige 1767 das Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes" sowie „Apollo und Hyacinthus.» Der junge Komponist erregte mit seinen Werken kennerisches Aufsehen.

     Mozart war berühmt als Klavierspieler. Gleich berühmt war sein Orgelspiel. Schon der Knabe, der die Basspedale im Sitzen kaum erreichen konnte und nahezu stehend spielen musste, versäumte keine Gelegenheit, auf seinen Reisen Orgel zu spielen. In Heidelberg hat er im Jahre 1763, mit siebeneinhalb Jahren, die Orgel mit soviel Meisterschaft geschlagen, dass gleich danach an der Orgel eine Gedenk-Plakette angebracht wurde. Der englische Hof stellte 1764 seine Kunstfertigkeit an der Orgel noch höher als sein Klavierspiel. Und der Thomaskantor in Leipzig soll, als er Mozart 1789 auf der Orgel phantasieren hörte, gewähnt haben, sein Lehrer und Vorgänger Johann Sebastian Bach sei wiedererstanden.

     Zu Hause in Salzburg blieb der große Musiker, ein Fürstendiener. 1781 hatte Mozart seine Oper „Idomeneo" geschrieben und in München aufgeführt. Er hatte einen großen Erfolg erlebt, aber dabei seinen Urlaub überschritten. In Salzburg erwartete ihn nun der Zorn seines Fürsten und Herrn. Wolfgang Mozart war im Dienst des Grafen als Violinist und Konzertmeister. Als absoluter Herrscher verlangte der Erzbischof von Salzburg Graf Colloredo von seinen Dienern absoluten Gehorsam. Er verbot Mozart, in Wien als Pianist aufzutreten. Der junge Komponist weigerte sich, weiterhin wie ein Lakai behandelt zu werden. Mozart war ein schlechter Diplomat. Wer in der Adelsgesellschaft Erfolg haben wollte, musste schmeicheln und „kriechen" können. Sein Vater wusste dies und tat es. Der Sohn haßte es und sagte auch dem Fürsten in klaren Worten seine Meinung. Der wütende Graf warf Mozart schließlich mit einem „Tritt in den Hintern" zur Tür hinaus. Wolfgang schrieb später dem Vater, dass er unter dieser Beleidigung geradezu physisch krank wurde. Mozart befreite sich aus dem Salzburger Fürstendienst und zog nach Wien. 1781 kam er in Wien an. Von seinen Sorgen konnte sich der große Komponist aber nicht befreien.

     Mozarts Musik gilt als zeitloses Wunder. Viele empfinden sie als einen himmlischen Glanz über einem dunklen Erdenleben und Mozart selbst als himmlischen Gast, der die Welt besucht, beschenkt und nach einem kurzen Dasein wieder verlassen hat. Leicht lässt dieses Mozartbild die Wahrheit verges sen. Dieser himmlische Gast führte ein dramatisches Leben in einer dramatischen Zeit.

     1782 heiratete Mozart Constanze Weber. Das hätte beinahe zum Bruch mit dem Vater geführt. Im Juli dieses Jahres schuf er das erste deutsche National-Singspiel „Entführung aus dem Serail". Mozart war so stolz auf seine neueste Oper, dass er dem Kaiser Joseph II. auf dessen Kritik: „Zu schön für unsere Ohren und zu viele Noten, lieber Mozart!" erwiderte: „Gerade soviel, Eure Majestät als nötig ist."

     1785 hatte Vater Leopold seinen berühmten Sohn in Wien besucht und zum letzten Mal gesehen. Voll Stolz berichtete er seiner Tochter über seine Begegnung mit Joseph Haydn „Herr Haydn sagte mir: ich sage Ihnen vor Gott, als ein ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich von Person und Namen nach kenne — er hat Geschmack, und über das die größte Kompositionswissenschaft" .

     Am 14. Dezember 1784 wurde Mozart in die Wiener Freimaurerloge aufgenommen. Das Leben in Wien wurde für Mozart zum Kampf um das Nötigste. Häufige Wohnungswechsel, vergebliche Konzertreisen, unablässige Bettelgänge und Verzweiflung füllten seine Tage.

     Mozart konnte nie richtig mit Geld umgehen. Wolfgang, ausschließlich vom Vater erzogen und auf seinen Reisen von ihm behütet, zu Hause umsorgt von beiden Eltern, kam mit den Dingen des Haushalts so gut wie gar nicht in Berührung. Seine Aufgabe war es, zu lernen, zu spielen und zu komponieren. Er wuchs jenseits der materiellen Welt eines Haushalts auf. Es blieb ihm zeitlebens eine fremde Welt, wie auch jegliches Planen und Einteilen. Noch schlimmer wurde es, als Mozart Constanze Weber heiratete. Das war eine Frau, der das Geld ebenso locker in den Fingern saß.

     Mozart war ein Mensch der größten, scheinbar unversöhnlichen Gegensätze. Er ist weder ein niedliches Wunderkind des Rokoko, noch ein braver Biedermann oder ein leichtfertiger Draufgänger, wie ihn noch das 19. Jahrhundert abwechselnd sich vorstellte. Unter einer ruhigen Oberfläche rangen verschiedene Kräfte miteinander. Mozart verkörperte eine Kraft von starker Ausstrahlung und, trotz seiner Lust zum Derben und Zotenhaften, von großer Sauberkeit. Vieles, was beim Spießer oder auch bei bedeutenden Männern den Rang der Wichtigkeit hatte, war für ihn belanglos. Seine Art, zu leben und sich zu geben, war einerseits von Trägheit und andererseits von Lebhaftigkeit des Geistes gekennzeich net. Das Ausweichen von einer Arbeit, die fehlende Zeiteinteilung, das Nichtfertigwer-den gehören ebenso zu Mozart wie die schnelle Affinität. In seinem Wesen vereinten sich die Großzügigkeit dem Menschen gegenüber und die Tendenz zu depressiver Verstimmung.

     Mit seiner menschlichen Großzügigkeit und wirtschaftlichen Unbesorgtheit verband sich eine große soziale Aufgeschlossenheit. Mozart hatte keinen Sinn für Standesunterschiede. Ihm galt nicht der Rang und der Name, sondern der Wert und die Fähigkeit des Menschen. Er hätte das Recht gehabt, sich Wolfgang Amade von Mozart zu nennen, weil er 1770 von Papst Clemens XIV. zum Cavaliere geadelt und in einen höheren Rang versetzt worden war. Mozart wurde der Orden „Ritter vom Goldenen Sporn" verliehen. Mozart verzichtete auf Ordenskreuz, Degen und Sporen sowie auf das Adelsprädikat. Er ließ sich nicht von Titeln und Namen blenden und blieb den sozial Mächtigen gegenüber stets kritisch und skeptisch. So war auch, trotz seiner Gewöhnung an höfische Etikette, sein Auftreten frei, natürlich und unzeremoniell. Seine Art, den Menschen zu begegnen, war stets unmittelbar und direkt. Mozart gab sich wie er fühlte und dachte, ohne Berechnung.

     Seine Antworten kamen rapid, wie aus der Pistole geschossen; nie berechnete er, ob sie bequem zu hören waren. Wenn er in seinem Stolz getroffen war, schwieg er auch vor höchsten Würdenträgern nicht. Mozart haßte die Stümperei, das Kriechertum und die Verlogenheit. Sehr freigebig war er mit seinem Geld. Solange er etwas hatte, gab er oder verschenkte mit vollen Händen. Bemerkenswert waren seine große menschliche Güte und Hilfsbereitschaft, sein warmes Mitgefühl.

     Sein dramatisches Schaffen zeugt davon, wie genau er die Menschen kannte. Seine Operngestalten sind mit einer großartigen Hellsicht konzipiert. Die wirklichen Menschen aber, mit denen Mozart umging, vermochten ihn zu täuschen. Seine Zugänglichkeit für Lob und Schmeichelei machte ihn oftmals blind gegenüber denen, die ihn ausnutzen wollten. Seine psychologischen Fähigkeiten wandte er im Alltag fast nie an.

     Mozart liebte die Geselligkeit und den Tanz, das Kegelspiel und das Reiten. In den Wiener Jahren gab er das Reiten ganz auf, aus Angst zu stürzen. Seine Gesten waren schnell, oft nervös: so soll er das Fleisch auf seinem Teller nie selber aufgeschnitten haben. Bekannt ist das stete Trommeln seiner Finger. So war er kompliziert wegen der Vielfalt seines Wesens und seiner Anlagen und der Breite seiner möglichen Reaktionen.

     Mozart war normal und abnorm zugleich, einfach und kompliziert, albern und ernst, vordergründig und hintergründig, harmonisch und exzentrisch. Sein Rätsel ist nicht diese unglaubliche Mischung als solche, sondern die höhere Kraft, die Aufgabe, die er durch sein Schaffen erfüllt hat. Was ihm das Leben versagte, blieb auf unvergängliche Weise in seinem Werk.

     Im Jahre 1786 entstand in Wien die Oper „Die Hochzeit des Figaro". Sie hatte triumphalen Erfolg, aber das konnte allerdings Mozarts finanzielle Lage nicht verbessern.

     In den Jahren darauf entstanden „Don Giovanni" (1787) und „Die Zauberflöte" (1791). In dieser Zeit großer Niedergeschlagenheit schrieb er die drei großen Symphonien: im Juni 1788 die Es-Dur-, im Juli die g-Moll und im August die große C-Dur-(Jupiter) Symphonie.

      Was Mozart in diesen Jahren anfasste, wurde musikalisch zu purem Gold. Seine Werke wurden zu den Höhepunkten einer Gattung — kein anderes Singspiel erreicht je die „Entführung aus dem Serail", keine musikalische Komödie je den „Figaro", kaum ein musikalisch dramatisches Meisterwerk den „Don Giovanni" und so weiter. In allen Werken sind unerhörte Neuerungen und revolutionäre Meisterleistungen zu finden. Dabei kann man über die im Detail faszinierend sorgfältige Arbeit nur staunen, der man keine einzige fehlende oder falsch gesetzte Note nachweisen könnte. Es gibt genügend Versuche, glaubhaft nachzuweisen, dass heute ein Kopist nicht imstande wäre, in einem langen Leben das abzuschreiben, was Mozart in seinem kurzen Leben auf den Notenlinien erfunden hat.

     Kurz vor seinem Tode hat Mozart das „Requiem" komponiert, das vom Grafen Walsegg unter etwas geheimnisvollen Umständen bestellt wurde. Diese Trauermusik ist die erschütterndste und zugleich würdigste Musik im Bereich des Todes, die uns überkommen ist. Bei der Komposition dieses Werkes legte Mozart weinend die Feder aus der Hand. Er wusste, dass er sein Requiem geschrieben hatte.

     Am 5. Dezember 1791 starb Mozart nach zweimonatigem schwerem Leiden. Wie im Totenbuch der Pfarre St. Stephan vermerkt ist, starb Mozart nach offizieller Feststellung an „hitzigem Frieselfieber." Wie Fachleute später nach den Symptomen diagnostiziert haben, handelt es sich um einen Anfall von fiebrigem Gelenksrheumatismus oder — vielleicht als Folge dessen — an Herzinsuffizienz.

    Er starb im 36. Lebensjahr.

     Auf dem Friedhof St. Marx in Wien befindet sich die letzte Ruhestätte Mozarts. Die Gebeine des weltberühmten Komponisten liegen in einem Massengrab. An einem kaltfeuchten Dezembertag des Jahres 1791 wurde der große Musiker in einem nicht markierten Massengrab beerdigt, das wenige Jahre später erneut belegt wurde. Der tatsächliche Ort ist bis heute unbekannt. Wien birgt noch viele Erinnerungen an das große Genie. Besonders bekannt ist das sogenannte „Figarohaus", wo Mozart mit seiner Frau Constanze zweieinhalbe glückliche und erfolgreiche Jahre verbracht hat. Hier wurde seine gefeierte Oper „Die Hochzeit des Figaro" geschrieben. Hier wurde 1956 ein Museum eröffnet. Im Burggarten steht ein Mozartdenkmal.

     Von sechs Kindern von Mozart überlebten ihn nur zwei, Carl und Wolfgang. Sein jüngster Sohn war auch musikalisch sehr begabt. Die Söhne von Mozart starben kinderlos. Damit erlosch das Geschlecht des Mozarts.

      Wolfgang Amadeus Mozart ist der beliebteste Komponist der Österreicher. Mozart und seine Heimatstadt sind beinahe Synonyme geworden. Die Musik beherrscht besonders im Sommer das Leben der Stadt. Seit 1920 werden in Salzburg von Ende Juli bis Ende August jedes Jahr die Mozart-Festspiele durchgeführt. 

Franz Liszt

(1811-1886)

       Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 in Raiding geboren. Der Ort, heute in Burgenland, gehörte damals zum Komitat Ödenburg in Ungarn. Im Elternhaus wurde nur deutsch gesprochen, in der Dorfschule wurde auch nur deutsch unterrichtet. Liszt hat nie wirklich die ungarische Sprache erlernt und konnte erst im Alter einige wenige Sätze ungarisch sprechen. Infolge seiner frühen Übersiedlung nach Frankreich ging aber auch sein Deutsch bald größtenteils verloren. Von seinem zehnten Lebensjahr an wurde Französisch die Sprache, die er bis zu seinem Lebensende mit Vorliebe sprach und schrieb.

      Franz war das einzige Kind in der Familie. Sein Vater Adam List (die spätere Schreibweise Liszt soll aus phonetischen Gründen zustande gekommen sein) stammte aus dem österreichischen Edelstal. Er stand in den Diensten der Familie Esterhazy und hatte sich bis zum angesehenen Posten eines Rentmeisters der fürstlichen Schäferei hinaufgearbeitet. Die Mutter Franz Liszts, Maria Anna Lager, stammte aus Krems.

      Aus seinen Kindheitsjahren ist nicht viel bekannt. Fest steht, dass bis zu seinem sechsten Lebensjahr seine Gesundheit viel Anlass zu Sorgen gab. Als Franz 6 Jahre alt war, erhielt er erstmals Klavierunterricht von seinem Vater. Der Vater selbst war musikalisch sehr begabt, er spielte gut Violoncello. Er erkannte offenbar rasch das musikalische Talent des Kindes und handelte ziemlich zielbewusst: er wollte den Knaben zum Musiker ausbilden lassen. Damit sollte sein eigener Traumwunsch in Erfüllung gehen. Einige Konzerte, die der Junge vor staunendem Publikum gab, bewirkten, dass Fürst Nikolaus Esterhazy sowie vier weitere Magnaten die nötigen Geldmittel für seine Ausbildung sicherstellten. Der Vater bat bald um Entlassung aus dem fürstlichen

      Dienst und fortan, bis zu seinem frühen Tod 1827, hat er sich nur mehr der Ausbildung und Förderung des Sohnes gewidmet.

      Die Familie zog nach Wien. Hier wurde das Wunderkind von Carl Czerny, dem Schüler Beethovens, kostenlos unterrichtet. Zudem gab ihm Antonio Salieri theoretischen Unterricht. Die ganze Zeit nahm Musik in Anspruch. An einer allgemeinen Ausbildung fehlte es ihm freilich fast ganz. Später, schon als Erwachsener musste Liszt Versäumtes nachholen. In späteren Jahren hat er, wie er selbst das betont hat, unter der mangelnden Allgemeinbildung gelegentlich gelitten. Sie mag auch der Grund sein für manche Naivität und Urteilsunfähigkeit, die besonders in den Altersjahren, als Liszt die Virtuosenlaufbahn aufgab, zum Vorschein kamen.

      In Wien, wo der Junge auch mit Konzerten auftrat, haben sie großes Aufsehen erregt. Am 13. April 1823 spielt Liszt im Redoutensaal Klavier. Beethoven wohnte auch bei. Er war tief berührt und küsste dem Zwölfjährigen die Stirn. Die Konzerte brachten beachtliche Geldsummen ein. Der

      Vater beschloss, mit der Familie nach Paris zu übersiedeln. Man traf in Paris am 11. Dezember 1823 ein, der kleine Franz war schon europäische Berühmtheit. Von dieser Zeit an vollzog sich Liszts Heranwachsen und Reifen im Bereich französischer Kultur, die die seine wurde.

      Liszt wollte am Konservatorium studieren. Der Direktor, es war der Italiener Cherubini, verweigerte die Aufnahme unter dem Vorwand, Ausländer dürften hier nicht studieren. So nahm Liszt Privatunterricht. Der geniale schöne Jüngling fand in Paris überall offene Türen. Er verkehrte, spielte und unterrichtete in aristokratischen Kreisen und lernte alle bedeutenden Künstler, Dichter, Maler, Musiker und Denker kennen. Die Begegnung mit Paganini, dessen technische Künste ihn bis ins Innerste bewegten, und das Spiel Chopins, dessen romantische Klavierpoesie er tief bewunderte, bestimmten den Reifeprozess Liszts.

      Er wollte der Paganini des Klaviers werden, er wollte den Spielstil dieses Instruments ausweiten und bis an die Grenze des Möglichen treiben, zugleich wollte er die Menschen mit seinem Spiel rühren und bannen. Es gelang ihm, zum Zauberer seines Instruments und bedeutendsten Virtuosen seines Jahrhunderts zu werden. Der Beitrag Liszt zur Entwicklung der Klaviertechnik ist tatsächlich epochemachend gewesen: er bildet den Ausgangspunkt des modernen Klavierspiels bis Debussy, Ravel und Prokofjew.

      1833 sah Liszt zum ersten Mal die Gräfin Marie d'Agoult. Mit ihr lebte Liszt bis 1843 in freiem Liebesbündnis; sie hatten 3 Kinder. Diese Frau wurde seine geistige Erzieherin, sie hatte den stärksten Einfluss auf Liszts Leben.

      1838 begann für Liszt die Zeit der großen Reisen, die ihn kreuz und quer durch ganz Europa führten. Überall errang er ungewöhnliche Triumphe. Liszt spielte ohne Mitwirkung anderer Künstler und ohne Orchester. Berlioz konnte ihm zutreffend schreiben: „Du kannst frei nach Ludwig XIV. sagen: Das Orchester bin ich! Der Chor bin ich! Der Dirigent bin wiederum ich!" Von der Universität zu Königsberg wurde ihm die Würde „Doktor der Musik" verliehen. Diese Wanderjahre waren für Liszt sehr wichtig. Er schuf viele Kompositionen.

Der Wortlaut