Neunzehntes Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung (1789 bis 1914)
Neunzehntes Jahrhundert
nach unserer Zeitrechnung (1789 bis 1914)
Die Ideen der Französischen Revolutionen drangen auch bis nach Bremen vor. Es blieb jedoch zunächst verhältnismäßig ruhig, denn anders als in Frankreich, wo sich das Bürgertum gegen Adel und Klerus erhob, beherrschte hier das gehobene Bürgertum von je her die Stadt. Wenn es Streit gab, dann zwischen den Mitgliedern der Oberschicht um die Verteilung der Macht, oder zwischen dem Rat der Stadt und den Bürgerkonventen der vier Kirchspiele der Altstadt über Staatsschulden und Steuern. Manchmal gab es auch Unruhen unter den Gesellen, etwas später unter den Soldaten, den bürgerrechtlich benachteiligten Neustädtern oder bei der Landbevölkerung, aber die waren für das Staatswesen relativ bedeutungslos. Es gab keine eigentliche revolutionäre Stimmung. Als sich Rat und Konvent im Oktober 1789 wieder einmal nicht einigen konnte, verschärfte sich allerdings die Tonart, und es wurden Rufe nach Volkssouveränität und Freiheitsrechten der Staatsbürger laut. Zu Gewalttaten kam es jedoch nicht.
Außenpolitisch geriet Bremen als auf internationalen Handel angewiesene Reichsstadt in dieser Zeit stark in Bedrängnis. Einerseits war sie verpflichtet dem Reich bei Eintritt in den Krieg gegen Frankreich ein militärisches Kontingent zur Verfügung zu stellen, andererseits erklärten sich die Hansestädte für neutral, was von Frankreich nicht immer gewürdigt wurde. Als Ersatz für die Soldaten zahlte die Stadt eine hohe Ablösesumme, was besonders schwer fiel, weil Getreide als wichtigstes Handelsgut zur Konterbande erklärt wurde. Gegenüber Frankreich, einem lebenswichtigen Handelspartner, mußte sich Bremen sehr vorsichtig verhalten, weil sowohl Preußen, wie auch Hannover und England es mißtrauisch beobachteten. Um Neutralität zu beweisen, wurden nach der Besetzung Hollands durch die Franzosen, die Aufnahme der zurückgeführten Waffen des Reichsheeres verweigert, sowohl Kriegsflüchtlingen aus Holland, Emigranten aus Frankreich, wie Kriegsdienstverweigerern aus anderen deutschen Staaten der Aufenthalt schwer gemacht. Mehr und mehr neigten die maßgebenden Personen in Bremen dazu, auf die Karte Napoleons zu setzen und unterhielten geheime Diplomatie mit Paris. Es gelang jedoch nicht, Hamburg und Lübeck in diese Politik einzubeziehen. Als der Vormarsch französischer Truppen nach Norddeutschland 1795 bevorstand, forderte Hannover in Bremen die Einrichtung eines britisch-hannoverschen Lazaretts. Als der Rat sich weigerte, bestand Hannover auf Durchmarsch, was die Stadt nicht ablehnen konnte. Trotz Protest ließ der hannoversche Generalleutnant Georg Jusua du Plat ein Regiment in den Mauern zurück, und mit dem Öffnen der Tore strömte eine Vielzahl von Flüchtlingen herein. Auch nach dem Sonderfrieden von Basel am 5. April 1795 zwischen Preußen und Frankreich, der Norddeutschland für neutral erklärte, blieben die zunächst nicht in den Frieden eingeschlossenen Truppen Hannovers noch bis zum 30. November in der Stadt. Als Bremen dann von Preußen und Hannover gezwungen wurde, einen Beitrag zu einer "Observationsarmee" zur Verteidigung der Neutralität Norddeutschlands zu leisten, geriet es wiederum in Gegensatz zu Frankreich.
Die Behinderung des Seehandels blieb bestehen, die Bremer Kaufleute litten unter Embargo sowie Kaper von Seiten Spaniens, Englands und Frankreichs. Ab Herbst 1797 wurde in Rastatt zwischen dem Reich und Frankreich verhandelt, wobei die Souveränität der Hansestädte auf dem Spiel stand. Die Interessen Bremens als Unterhändler nahm dort Senator Georg Gröning wahr. Ihm gelang es durch geheime Geldzuwendungen das Wohlwollen der Franzosen zu erreichen. Wichtige Entscheidungen im Interesse Bremens waren jedoch in der Schwebe geblieben, als sich im März 1799 nach erneutem Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Österreich der Rastatter Kongreß auflöste.
Trotz der politischen Unruhe stand die bremische Wirtschaft in voller Blühte. Die Häfen der Hansestädte übernahmen die Funktionen der niederländischen Häfen, und die Weser wurde zur Ersatzwasserstraße für den Rhein nach Süden. Kolonialwaren gingen weseraufwärts, Getreide, Holz, Salz und Leinwand kamen aus dem Hinterland zurück und wurden flußabwärts exportiert. Die Handelsverbindungen mit den jungen Staaten Amerikas nahmen derart zu, daß die USA 1794 ihr erstes europäische Konsulat in Bremen eröffneten. An die Seefahrt wurden immer höhere Anforderungen gestellt, so daß im Haus Seefahrt die Anfänge einer Navigationsschule gelegt wurden. Sehr bald überhitzte sich die Konjunktur und 1799 führte eine kurze Wirtschaftskrise zu Konkursen in größerer Zahl.
Der Wohlstand führte bei einem Teil der Oberschicht zu einem verfeinerten Lebensstil. Hausgeräte und Möbel wurden schlichter und praktischer. Nach englischen Vorbild wurden Klubs gegründet, mit Lesezimmern, Kasino und Tanzsäälen. Die goldbestreßten und seidenbestickten Röcke der Vergangenheit wurden vom dunkelfarbigen Frack mit weißer Weste verdrängt, die Frauenmoden indes waren üppig wie nie. Ab 1801 verzichtete der Rat, außer bei feierlichen Anlässen, auf Amtstracht mit langen Mänteln und Perücken.
Auf wissenschaftlich-technisch- kulturellem Gebiet gab es Fortschritte. 1800 impfte Dr. Gottfried Reinhold Treviranus Kinder mit dem Pockenserum von Kühen. Eine Kur- und Badeanstalt gründete sich in Lilienthal an der Wörpe. Die Straßen Beleuchtung wurde von Tranleuchten auf Pfählen auf mit weißem Glas und Hohlspiegeln ausgestattete Öllampen umgestellt. Das gesamte Stadtgebiet wurde mit Hilfe eines Spiegelsextanten vermessen und Tischbein und Murtfeld zeichneten erste Stadtpläne. Die Beobachtungen und Berechnungen des Arztes Wilhelm Olbers fanden in der Fachwelt der Astronomie große Anerkennung. Die 1775 wiedereröffnete Bibliothek im Katarinenkloster wurde durch Schenkungen und aus Haushaltsmitteln ergänzt. Der am Dom als Scholarch amtierende hannoversche Oberamtmann Freiherr Adolph von Knigge nahm mit Hauskonzerten und Theateraufführungen Einfluß auf das bremische Geistesleben, ebenso Friedrich Wilhelm Großmann, der auf dem Ostertorswall ein Theater für 1.500 Zuschauer erbaute. Der Professor am Gymnasium,Christian Nicolaus Roller, schrieb die Geschichte Bremens. Der Pastorensohn, Professor am Gymnasium und spätere Bürgermeister Johann Smidt, hielt vielbeachtete Vorträge. Die beiden Prediger, Johann Caspar Häfeli von St. Ansgarii und Ludwig Ewald von St. Stephani gaben Impulse zur Gründung einer Bürgerschule und damit zur Entwicklung der Bildung breiterer Bevölkerungsschichten.
Nach dem Frieden von Lun_ville 1801 war Frankreich stärkste Kontinentalmacht. Bremen setzte auf seine guten Beziehungen zu Paris, um der Gefahr zu entgehen, einem größeren Territorium angegliedert zu werden. Georg Gröning vertrat weiterhin unter Einsatz von "Geschenken" die Interessen Bremens, die da waren: Die Übergabe der hannoverschen Besitzungen in der Stadt, den Erwerb eines Landstreifens an der Unterweser von Hannover zur Anlage eines Seehafens, sowie einiger Landstriche rund um Bremen zur Ausdehnung des Stadtgebietes und die Abschaffung des Elsfether Zolls. Nach zähen Verhandlungen und gegen massiven Widerstand des Herzogs von Oldenburg verkündete der Reichsdeputationshauptschluß am 25. Februar 1803 das Ende des Elsflether Zolls für 1813, die Abtretung Grollands an Bremen, die Übergabe der hannoverschen Besitzungen in der Stadt, von Vegesack mit Zubehör, des Barkhofs, der Hemelinger Mühle, der Dörfer Hastedt, Schwachhausen und Vahr sowie der hannoverschen Rechte innerhalb des von Wümme und Lesum begrenzten Gebietes. Außerdem wurde Bremen als Freie Reichsstadt bestätigt.
Die bremische Außenpolitik verschlang in dieser Zeit Riesensummen, die durch hohe Besteuerungen aller Art aufgefangen werden mußten. Um sich als Verteidigungsbastion für militärische Operationen zukünftig unattraktiv zu machen, kam man auf den Gedanken, der Stadt den Festungscharakter zu nehmen. Außerdem waren die Stadtbefestigungen bereits derart vernachlässigt, daß sie nur unter Einsatz großer Finanzmittel wieder instand gesetzt werden konnten. Am 30. März 1802 wurde vom Rat der Stadt beschlossen, die Stadtmauern abreißen zu lassen. Ein Jahr später wurde mit der Arbeit begonnen und diese bis 1815 abgeschlossen. Aus der Befestigungsanlage rund um die Altstadt war durch die Ideen des oldenburgischen Hofgärtners Bosse und des bremischen Landschaftsgärtners Isaak Hermann Albert Altmann ein Park entstanden. Auf der Neustadtseite wurden die Flächen als Gemüseland verpachtet.
In dem erneut aufflackernde
Krieg zwischen Hannover/England einerseits und Frankreich andererseits
versuchten die Bremer ihre Neutralität zu wahren, in dem sie u.a. an
den Grenzen des Staatsgebietes an Pfählen Schilder mit der Aufschrift
"Territoire neutre de la Républic de Brème" aufstellten,
die vorläufig von den von der Ems an die Oberweser vorgerückten und
dann Kurhannover eingenommenen französischen Truppen sogar respektiert
wurden. Damit waren die Verhandlungen mit Kurhannover über die territoriale
Neuordnung unterbrochen. Als die Franzosen auch den Warenhandel mit
England durch Kontrollen an der Wesermündung unterbanden, blockierten
britische Schiffe die Mündungen von Elbe und Weser. Dennoch gelang
es den bremischen Kaufleuten, zwar unter immensen Schwierigkeiten, ihre
Güter auf dem Landwege über Oldenburg und Varel oder durch das Wattenmeer,
über Leerort, Leda, Hunte und Weser in die Stadt zu bringen. Wenn preußische
oder britische Truppen die Stadt besetzten, bot selbst deren Versorgung
noch guten Gewinn, die gestiegenen Getreidepreise ließen die ärmeren
Einwohner jedoch in arge Not geraten.
!805 und 6 waren wirtschaftlich ertragreiche Jahre für die Stadt Bremen.
Als das Heilige Römische Reich deutscher Nation 1806 endete, wurde Bremen ein souveräner Staat und nannte sich von da ab Freie Hansestadt.
Nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 besetzten französische Truppen Norddeutschland und marschierten am 20. November in die Stadt ein . Einen Tag später verhängte Napoleon die Kontinentalsperre. Jeglicher Handel mit England wurde untersagt. Die Engländer reagierten ihrerseits wieder mit Blockaden. Damit war Bremen, wie alle Kontinentalhäfen, vom Überseehandel abgeschnitten und geriet zusehens in eine wirtschaftliche Krise. Der Schmuggel mit britischen Waren blühte, die Kontrollen der Besatzer wurden strenger. Wechselnde französische Regimenter leisteten sich Übergriffe oder stellten immer höhere Forderungen; die Stimmung in der Bevölkerung wurde franzosenfeindlich. Im Frühjahr 1808 wurde der Rat aufgefordert, französisches Recht, den Code Napoléon, zu übernehmen. Um eine bessere Behandlung zu erreichen, machte man sich Gedanken darüber, ob man die Neutralität nicht besser aufgeben und sich dem Rheinbund anschließen solle. Zu einem endgültigen Beschluß darüber kam es jedoch nicht. Noch schlimmer wurde die Stadt drangsaliert, nachdem der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels am 5. August 1809 mit 400 Soldaten vom Buntentor her ohne großen Widerstand ein- und durchmaschiert war. Erst ein Besuch Georg Grönings beim westfälischen König in Kassel schaffte wieder Erleichterung.
Im August 1807 fand die erste Volkszählung in Bremen statt,1810 eine Zählung für das Landgebiet. Sie ergaben :
| Alt- und Neustadt | 4.800 Wohnhäuser mit | 28.000 Einwohnern |
| Vorstädte | 1.900 Wohnhäuser mit | 8.000 Einwohnern |
| Gericht Borgfeld | 78 Wohnhäuser mit | 511 Einwohnern |
| Gericht Hastedt | 70 Wohnhäuser mit | 1.395 Einwohnern |
| Gericht Vegesack | 254 Wohnhäuser mit | 1.410 Einwohnern |
| Gericht Holler- und Blockland | 410 Wohnhäuser mit | 3.093 Einwohnern |
| Gericht Werderland | 291 Wohnhäuser mit | 2.105 Einwohnern |
| Gericht Obervieland | 236 Wohnhäuser mit | 2.520 Einwohnern |
| Gericht Niedervieland | 221 Wohnhäuser mit | 1.427 Einwohnern |
| Summe | 1.560 Wohnhäuser mit | 12.461 Einwohnern |
Am 13. Dezember 1810 wurde Bremen als Provinzhauptstadt von Paris annektiert.
Bild: Wappen Napoleon
Damit waren auch die Handelswege ins Inland unterbrochen. Der Senat wurde abgeschafft und ein Municipalrat eingesetzt. Höchster Beamter war der Bürgermeister (Maire). Die Franzosenzeit endete am 6. November 1813 mit dem Einzug des russischen Kosakengenerals von Tettenborn. Die Verfassungsverhältnisse von 1810 wurden zwar wieder hergestellt, doch die letzten drei Jahre hinterließen Spuren. U. a. lag mit Übernahme des Code Napoleon die Registrierung von Zivilangelegenheiten wie Geburt, Heirat und Tod nun nicht mehr bei den Pastoren, sondern bei einem dafür geschaffenen Standesamt. Ein Handelsgericht, Handelskammer und Handelsbörse entstanden. Die Zünfte wurden aufgelöst und die Gewerbeerlaubnis eingeführt. Alle Bürger, auch Juden Link zu jüdischen Gemeinde, waren gleichberechtigt. Die Friedhöfe wurden aus der Umgebung der Kirchen auf gesonderte Areale außerhalb der Stadt verlegt. Das Gesundheitswesen wurde modernisiert und Produktionsbetriebe durften Abluft nicht mehr unkontrolliert abblasen. Breite Chausseen als Ausfallstraßen wurden angelegt, die heute Heerstraßen genannt werden. Die Häuser wurden numeriert Aus dem seit 1528 bestehenden aber inzwischen an Bedeutung verlorenen Gymnasium Illustre ging das Alte Gynasium hervor.
Das Stadtbild änderte sich langsam. 1816 wurde das Stadthaus neben das alte Rathaus gesetzt. In der Großenstraße wurde 1823 ein neues Krankenhaus errichtet, an der Contrescarpe entstanden Villen. Die alten Tore und der Ostertorzwinger wurden abgerissen und 1825 durch neue Torhäuser an breiteren Ausfahrten ersetzt. Die Nebenstraßen der Altstadt aber blieben eng und schmutzig. Auf der Herrlichkeit baute man 1831 das Arbeitshaus und am Bischofstor 1843 das Stadttheater, 1847 Hillmanns Hotel am Herdentor und die Börse am Markt, 1851 ein Krankenhaus an der St. Jürgenstraße in der Pagentorner Feldmark. 1854 entstand das Kapffsche Haus an der Weserbrücke. Die Stephanikirche erhielt 1854/56 einen neuen Turm. 1860 bekam die Weserbrücke einen neuen Oberbau.
Großes Interesse fand 1829 der Fall der Giftmischerin Gesche Gottfried Link zu Gesche Gottfried, die 1831 öffentlich auf dem Domshof hingerichtet wurde.
Hatte sich Bremen bisher gegenüber den Ländern an der Mittel- bzw. Oberweser eine Monopolstellung für die Schiffahrt auf der Unterweser vorbehalten, so wurde im September 1823 die Weserschiffahrts-Akte unterzeichnet, die freie Schiffahrt von Hannoversch-Münden bis zum offenen Meer garantieren sollte. Ein einheitlich erhobener Weserzoll wurde nach einem Schlüssel auf die Anrainerstaaten verteilt. Da für die Unterweser Zollfreiheit vereinbart wurde, erhielt Oldenburg keinen Anteil. Daraus entstanden wiederum massive Schwierigkeiten zwischen Bremen und den Grafen von Oldenburg.
Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 schaffte es der Bürgermeister Smidt,
Bild: Bgm. Smidt
die Souveränität Bremens zu erhalten. Derselbe Johann Smidt kaufte für die Stadt Bremen mit dem Staatsvertrag vom 11. Januar 1827 für 73.658 Taler vom Königreich Hannover ein Stück Land an der Geestemündung, genau dort, wo einst die Karlsburg stand. Er siedelte als erstes neunzehn Personen darauf an und veranlaßte am 1. Juli des selben Jahres den Beginn dessen, was die Schweden 150 Jahre früher wollten aber nicht mehr ausführen konnten: Den Bau eines Hafens am offenen Meer. Die Weser war nämlich inzwischen so sehr verschlickt, daß nur noch leichte Schiffe Bremen erreichen konnten, und selbst schon das stromabwärts liegende Vegesack Probleme bekam. 1830 waren die Arbeiten am "Alten Hafen" abgeschlossen. Am 12. September 1830 fuhr als erstes Schiff die amerikanische "Draper" in den neuen Hafen ein. Es dauerte jedoch noch eine ganze Weile, bis die neue entstehende Stadt an der Wesermündung von Kaufleuten, Schiffern und Besatzungen angenommen wurde. 1851 erhielt Bremerhaven Stadtrechte. Erst durch modernere Technik wurde es später möglich, die Weser zu vertiefen, sowie ständig von der Versandung offen zu halten, und ab 1888 konnten wieder große Schiffe auch die Stadt Bremen anlaufen. Damit wurde Bremen, 65 km vom offenen Meer entfernt, der südlichste Seehafen Deutschlands.
Die Schlußakte des Wiener Kongresses hatte Verfassungen für die einzelnen
Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes vorgesehen, die jedoch anschließend
überwiegend verweigert wurden. Nach 1815 wurden auch in Bremen Forderungen
nach Reformen aufgestellt und formuliert. 1920 verliefen die Anstrengungen
dann im Sande.
Die europäische Revolution von 1830 fand in Bremen so gut wie nicht
statt. Zwar löste sie hier Forderungen nach einer reformierten Verfassung
aus, die bis 1837 auch diskutiert wurden, aber danach erlosch der Elan,
und wieder blieb es so gut wie alles beim Alten. Erst die weitere Revolution
von 1848 führte mit der Verfassung vom 08. März 1849 zu veränderten
Bürgerrechten im Stadtstaat.
Als souveräner Staat hatte
die Freie Hansestadt Bremen bereits 1849 eine
Gesandtschaft in Berlin eröffnet. Mit der Gründung des 1. Deutschen
Reichs 1871
verlor sie diese Souveränität endgültig, erhielt sich aber eine gewisse
Autonomie.
Seit Ende des 18. Jahrhunderts
wanderten in zunehmendem Maße Menschen aus
Europa in andere Erdteile aus, überwiegend nach Nordamerika. Bremen
hatte sich als
Auswandererhafen bereits bewährt, stieß kapazitätsmäßig jedoch
an seine Grenzen.
Zusammen mit den jetzt neuen Anlagen in Bremerhaven entwickelten sich
beide Städte
zu den größten Auswandererplätzen Europas.
Bild: Auswandererhaus in Bremerhaven
Zunächst reiste man noch auf Segelschiffen. Nach seiner Gründung im Jahre 1857 beherrschte dann der Norddeutsche Lloyd mit seinen Dampfschiffen das Geschäft.
Am 12. Dezember 1847 wurde die erste Eisenbahnstrecke von Bremen aus nach Wulsdorf eröffnet, die man1862 bis Geestemünde (beides sind heute Ortsteile von Bremerhaven) erweiterte. Jetzt konnten Auswanderer von Bremen per Eisenbahn nach Bremerhaven befördert werden. In den Jahren 1847 bis 1849 war auf der Bürgerweide der Hannoversche Bahnhof gebaut worden, der 1886 bis 1889 von dem heute noch erhaltenen Zweckbau im Jugendstil abgelöst wurde.
Bild: Hannoverscher Bahnhof
Weitere wichtige Ereignisse für Bremen waren der 1827 mit den USA abgeschlossene Freundschafts- und Handelsvertrag, der Bremer Reedern erstmals die ungehinderte Atlantikfahrt ermöglichte, 1844 die Einführung der allgemeinen Schulpflicht für sechs bis vierzehnjährige Kinder, 1847 die Einrichtung einer Postdampferverbindung zwischen Bremerhaven und New York, die Aufhebung der englischen Navigationsakte, die 1849 endgültig die freie fahrt über alle Ozeane zu den Küsten aller Erdteile freimachte, der 14. Februar 1861 mit der Einführung der Gewerbefreiheit, 1865 die Gründung der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, der 18. November 1866 mit dem Beitritt zum Norddeutschen Bund, 1872 die Gründungen von Baumwollbörse und der Schiffswerft AG Weser, der am 14. Oktober 1888 umstrittene Anschluß an die deutsche Zollunion. Am 21. Oktober wurde der gerade fertiggestellte Freihafen (später Europahafen) eingeweiht. Die darauf folgende wirtschaftliche Blüte hielt bis zu Beginn des ersten Weltkriegs an. Bremen wurde eine Weltstadt.
Auch in Bremen erfolgten im Anschluß an den Deutsch-französische Krieg und die damit verbundene Reichsgründung (1870/71) bis Ende der 1880er Jahre wie im gesamten Reichsgebiet eine Welle von Denkmalsetzungen Link zu Kaiser Wilhelm Denkal, besonders nationalpolitischer Art.
Ab 1867 gab es Ansätze zur
Gründungen von Arbeitervereinen, den Vorläufern von Gewerkschaften.
Während die Wirtschaft boomte und erfolgreiche Unternehmer große Vermögen
ansammelten, ging es den einfachen Menschen vielfach erbärmlich.
Erstes Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts.
Inzwischen war die Bevölkerungszahl Bremens auf ca. 125.000 angewachsen, aber die Stadt wuchs rapide und 10 Jahre später waren es schon doppelt so viel. Das Äußere der Stadt änderte sich laufend. Karstadt baute ein großes Kaufhaus an der Obernstraße und die Sparkasse ein repräsentatives Gebäude am Brill. Dort, wo sich heute das Kaufhaus Horten befindet, entstand das Verwaltungsgebäude des Norddeutschen Lloyd. Am 22. September 1902 wurde nach dreizehnjähriger Renovierungszeit der seit 1803 sich wieder im Besitz der Stadt befindende Dom neu eingeweiht. Die Bausubstanz war sehr überholungsbedürftig gewesen, denn weder die Schweden, Dänen noch dieHannoveraner hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten sehr um seine Unterhaltung gekümmert. Aus den zwei unterschiedlich hohen Türmen waren die uns jetzt vertrauten Türme geworde.
1902 hatte der Bremer Kaffeekaufmann, Ludwig Roselius, das Haus Nr. 6 in der Böttcherstraße erworben, der Keimzelle der späteren, von 1923 bis 1931 erbauten Kunststraße, die bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg starkbeschädigt, aber 1954 renoviert wurde.
Kaiser Wilhelm II, der gern
im Ratskeller frühstückte, weihte 1905 das Reiterdenkmal seines Vaters,
Kaiser Friedrich III. an der heutigen Hermann-Böse-Straße ein, nachdem
er während eines Besuchs in Bremen im März 1901 an der Buchtstraße
von einem jungen Mann mit einem Eisenstück beworfen und im Gesicht
leicht verletzt wurde. Bereits im Sommer 1900 hatte er in Bremerhaven
seine unglückliche "Hunnenrede" gehalten, mit deren Auswirkungen
Deutsche im Ausland oftmals heute noch konfrontiert werden. Der Hafen
der Stadt Bremen hatte sich nicht nur zum wichtigsten Eingangstor Europas
für Baumwolle, sondern auch für Südfrüchte entwickelt. Ab 1906 tragen
die jetzt mehr und mehr im Straßenbild erscheinenden Automobile im
Kennzeichen die Buchstaben HB. 1908 werden die Hafenanlagen in Bremerhaven
stark erweitert zum Kaiserhafen.
Die Bremer Räterepublik
von 1918 1919
von
Günter Garbrecht
Die schlechte Versorgungs- und katastrophale militärische Lage erzeugten
auch in Bremen eine spannungsgeladene Atmosphäre. Als dann die Revolution
am 6. November 1918 ausbrach, ging es allerdings um mehr. Inzwischen
hatten sich nämlich straff organisierte politische Gruppen gebildet:
U. a. Rechts- und Linksliberale, Mehrheitssozialdemokraten (MSPD), Unabhängige
Sozialisten (USPD) sowie Linksradikale (Kommunisten). Zwischen ihnen
wurde gestritten um Erhaltung, Revision bzw. völliger Umgestaltung
der Staats- und Wirtschaftsordnung. Die MSPD lehnte eine Revolution
ab und bekannte sich zur parlamentarischen Demokratie. Sie rekrutierte
ihre Anhänger insbesondere aus dem Beamtenapparat, der Polizei und
dem Kleinbürgertum. Hinter ihr standen auch konservative Offiziere
mit noch intakten Truppenteilen. Die USPD und die Linksradikalen strebten
ein Rätesystem an und verließen sich auf die Arbeiter großer Betriebe
sowie einiger Heimatdivisionen des Heeres und der Marine. Die Linksliberalen
standen der MSPD nahe, während die Rechtsliberalen für unterschiedliche
Gewichtung der ständischen Gruppen in den Staatsorganen plädierten.
Am Morgen des 6. Novembers forderte eine angereiste Abordnung von meuternden Matrosen aus Kiel Unterstützung von den Arbeitern der AG "Weser" in Gröpelingen bei der Befreiung von zweihundertdreißig inhaftierten Marinern aus dem Gefängnis in Oslebshausen. Auf dem Hauptbahnhof meuterten zur selben Zeit Matrosen aus Wilhelmshaven, die in ein Lager in der Lüneburger Heide transportiert werden sollten. In der Kaserne am Neustadtswall weigerten sich etwa einhundert Soldaten, in die Etappe auszurücken. Ihr Sprecher, Bernhard Ecks, nahm Kontakt mit den Marinern auf dem Hauptbahnhof auf, und es bildete sich ein Soldatenrat, der beabsichtigte, die Rechte des Militärkommandos zu übernehmen. Seine Mitglieder trugen weiße Armbinden mit dem Stempel des Garnisonskommandos. Nachmittags konzentrierte sich eine Demonstration von Arbeitern und Soldaten auf dem Marktplatz, während die Bürgerschaft in der Börse tagte. Später abends verkündete der Linkssozialist Adam Frasunkiewicz vom Balkon des Rathauses aus die geplante Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates. Er forderte die Betriebsbelegschaften und die Soldaten auf, Vertreter zu delegieren. Die Beschlüsse des Arbeiter- und Soldatenrates sollten am kommenden Tag veröffentlicht werden, alle Behörden hätten sich zu fügen. Nachdem sich die Menge verlaufen hatte, patrouillierten Soldaten auf den Straßen, denn es bestand die Gefahr von Plünderungen.
Im Gewerkschaftshaus an der Faulenstraße gründete sich ein Aktionsausschuß aus vier USPD-Mitgliedern (Alfred Henke, Adam Frasunkiewicz, Karl Herold und Emil Sommer) und drei Linksradikalen (Hans Brodmerkel, Adolf Dannat und Alfred Stockinger), die MSPD war ausgeschlossen. Der Aktionsauschuß wurde am 7. November durch Wahlen von hundertachtzig Abgeordneten aus den Großbetrieben und von Delegierten des Soldatenrates ergänzt. Der Arbeiter- und Soldatenrat etablierte sich alsdann mit zwischen 210 und 250 Mitgliedern als Legislative bzw. als Kontrollinstanz. Erfüllungsorgan sollte ein fünfzehnköpfiger Ausschuß sein, von dem die MSPD zunächst gleichfalls ausgeschlossen blieb. Als bei der Vergabe von fachbezogenen Ämtern den Linksradikalen die geeigneten Personen fehlten und der Mehrheitssozialist Karl Deichmann sich zur Revolution bekannte, revidierte man den Ausschluß und erweiterte den Aktionsausschuß auf einundzwanzig Köpfe aus Mitgliedern der Gewerkschaften und der MSPD. Als Vorstand des Aktionsausschusses wählte man als ersten Vorsitzenden Alfred Henke (USPD) und Hans Brodmerkel (Linksradikaler) als zweiten. Am 14. November verkündete Alfred Henke im Konventssaal der Börse die Übernahme der Macht in Bremen durch den Arbeiter- und Soldatenrat, Senat und Bürgerschaft seien aufgelöst. Er forderte die Beamten auf, weiter auf ihren Posten zu bleiben. Zur Überleitung würde eine Kommission aus sechs Mitgliedern des Arbeiter- und Soldatenrates und sechs Senatoren (die Bürgermeister Donandt und Hildebrand, die Senatoren Apelt, Biermann, Bömers und Spitta) eingesetzt. Die Leiter der Behörden und Verwaltungen blieben im Amt. Die Gerichte arbeiteten weiter. Steuern müßten wie bisher gezahlt werden. Die Senatoren hätten im Ausschuß von den Vorgängen in der Verwaltung zu berichten, die politischen Beschlüsse sollte der Arbeiter- und Soldatenrat fassen. Am 15. November um 11 Uhr gab Henke vom Rathausbalkon die Machtübernahme öffentlich bekannt. Eine rote Fahne wurde am Rathaus aufgezogen. Unter dem Eindruck des herrschenden Elends vertrauten viele Bremer den neuen Männern. Andere, liberalere Kräfte und das Bürgertum, blieben skeptisch und organisierten sich im "Bürgerausschuß" zunächst unter dem Vorsitz des ehemaligen Bürgerschaftspräsidenten Dr. Emil Quidde, später unter dem Reeder Adolph Vinnen, und leisteten der Revolution erheblichen Widerstand. Mit der Rückkehr des Linksradikalen Johann Knief nach Bremen kam es zu Polarisierungen und Machtkämpfen innerhalb des Arbeiter- und Soldatenrates. In den Versammlungen und Besprechungen herrschte das reine Chaos, das besonders am 29. November von Tumulten der Massen außerhalb begleitet wurde. Die emotionalisierten Teilnehmer verband der Wunsch nach politischer Veränderung, aber niemand wußte so recht, wie es denn wirklich weitergehen könnte. In dieser aufgeladenen Atmosphäre versuchte eine kleine Gruppe Radikaler, die Macht über die Arbeiterschaft und das Bürgertum zu erlangen.
Eine wesentliche Forderung der Radikalen bestand in der Bewaffnung der Arbeiter, was im gewissen Rahmen sogar durchgeführt wurde. Deshalb geriet Bremen an den Rand eines Bürgerkrieges, als am 1. Januar 1919 das zurückkehrende I. Hanseatische Infantrieregiment Nr. 75 auf dem Bahnhof in Sebaldsbrück ausgeladen wurde, von der Arbeiterschaft mißtrauisch beobachtet. Während die meisten Soldaten nach der bitteren Enttäuschung der Niederlage in tiefe Resignation verfallen waren, standen die mit bürgerlichen Kreisen in Kontakt stehenden Offiziere eindeutig gegen die Revolution und stellten entsprechende Forderungen: Wiedereinsetzung des Senats und der Bürgerschaft; Einquartierung des Regiments in die Kasernen am Neustadtswall. Verhandlungen mit Henke als dem Vertreter des Arbeiterrates sowie Ecks und Willems als Vertreter des Soldatenrates führten zu Vereinbarungen: Das Regiment respektierte die geschaffenen politischen Verhältnisse; nach Hamburger Vorbild sollten Senat und Bürgerschaft wieder eingesetzt werden, wobei der Arbeiter- und Soldatenrat ein Vetorecht erhielt. Der Arbeiter- und Soldatenrat sollte durch sechs Mitglieder des Regiments ergänzt werden; das Regiment sollte den militärischen Wachtdienst, der Arbeiter- und Soldatenrat polizeiliche Funktionen übernehmen. Die im Besitz des Arbeiter- und Soldatenrates befindlichen Waffen sollten dort verbleiben. Als Quartier waren die Kasernen am Neustadtswall vorgesehen. Die Offiziere erhofften, mit diesem Kompromiß eine Auseinandersetzung mit Waffengewalt vermeiden zu können.
Am Vormittag des 1. Januar 1919 marschierte das Regiment unter Führung von Oberstleutnant Hagedorn auf dem Marktplatz auf, begrüßt von Lambert Willems als Vertreter des Soldatenrates und von Zehntausenden. Nach Absingen des Deutschlandliedes hielten Bürgermeister Hildebrand, Oberstleutnant Hagedorn und Adolph Vinnen patriotische Ansprachen. Danach erfolgte der Abmarsch in das provisorische Quartier in der Schule an der Kornstraße in der Neustadt.
In der Zwischenzeit hatten Ecks und Willems bewaffnete Arbeiter in der Schule postiert. Knief sowie Fransunkiewicz von der USPD waren eingeweiht. Als das Regiment auf dem Schulhof angetreten war, erschienen Gewehrläufe in den Fenstern. Die Soldaten forderte man auf, die Waffen abzugeben und sich der Revolution anzuschließen. Nach Verhandlungen mit den Offizieren, u.a. Major Walter Caspari, wurde ein Kompromiß gefunden: Die Soldaten des Regiments mußten ihre Waffen abgeben, die Offiziere durften sie behalten, jedoch nicht tragen. Die Waffen wurden in einem Klassenzimmer deponiert und von Soldaten der Garnison bewacht. Der Erfolg der Radikalen wurde dann am Nachmittag mit einer Demonstration in der Innenstadt gefeiert. Eck rechtfertigte in einer Ansprache den Vertragsbruch mit dem Absingen des Deutschlandliedes beim Empfang des Regiments, obwohl die bewaffneten Arbeiter bereits vorher zur Schule an der Kornstraße geschickt worden waren. Man habe sich zur Demobilisierung entschließen müssen, weil Putschversuche lautbar geworden wären. Am 3. Januar billigten ein Vertrauensmännergremium der Garnison und der Soldatenrat die Maßnahmen, wollte jedoch die übrigen Abmachungen von Sebaldsbrück gewährleistet wissen. Als aus linkssozialistischen Kreisen gegen die Entsendung von sechs Vertretern des Regiments in den Soldatenrat protestiert wurde, verzichteten die beiden Offiziere Major Caspari und Leutnant Sies.
Durch die politischen Wirren fiel es der Wirtschaft schwer, sich von der Kriegswirtschaft auf eine Friedenswirtschaft umzustellen. Investitionen wurden nur zögerlich vorgenommen. Streiks im Ruhrgebiet führten zur Kohlenknappheit und die wiederum gefährdete die Versorgung mit Gas. Über den Weg zu einer neuen Wirtschaftsordnung stritten sich zwei Gruppierungen: Sozialisierung im Rahmen einer Diktatur des Proletariats oder eine freie Wirtschaft mit Unternehmerinitiative. Die mit der Macht ausgestatteten Linkssozialisten waren natürlich für die Sozialisierung, konnten sie aber nicht durchsetzen, weil in solchen Fällen keine Kredite mehr von den Banken für die verstaatlichten Unternehmen zu erhalten gewesen wären. Immer wieder entzündete sich Streit mit der Finanzdeputation wegen der Finanzierung von Projekten mit idiologischem Hintergrund. Für den 10. Januar wurde von den Kommunisten zu einer großen Sympathykundgebung auf dem Marktplatz aufgerufen, in deren Verlauf der Senat, die Bürgerschaft und die Deputationen für abgesetzt erklärt und die Sozialistische Republik Bremen ausgerufen wurde. Durch einen versehentlich losgegangenen Schuß wurde ein dreizehnjähriger Junge verletzt, sonst lief die Aktion ohne Blutvergießen ab.
Noch am Abend desselben Tages etablierte sich im Konventssaal der Börse der Rat der Volksbeauftragten aus neun Personen als Nachfolger des Senats: je drei Mitglieder der USPD, der Kommunisten und des Soldatenrates. Der Arbeiterrat wählte einen fünfköpfigen Vorstand, und zur Kontrolle des Rates der Volksbeauftragten setzte man einen Vollzugsrat ein. Die Volkskommissare der neun Fachbereiche unterstanden dem Rat der Volksbeauftragten und dem Vollzugsrat: Schul- und Bildungswesen, Polizei- und Gerichtswesen, Ernährungswesen, Steuer- und Finanzwesen, Volkswohlfahrt, Fabrik- und Arbeitswesen, Bau- und Wohnungswesen, Schiffahrt und Verkehrswesen, Presse und Propaganda.
Der Rat bestätigte Bremen als selbständige sozialistische Republik und traf seine Maßnahmen. Waffen mußten umgehend abgegeben werden. Die Polizeistunde legte man auf 21 Uhr fest. Waffenträger, Plünderer und Gegenrevolutionäre verfielen dem Standrecht. Über die bürgerliche Presse wurde eine Vorzensur verhängt. Als in bürgerlichen Kreisen bekannt wurde, daß Spitzen der Bourgeoisie als Geiseln gefangen gehalten und gegebenenfalls für anderenorts getötete Revolutionäre erschossen werden sollten, verließen einige besonders gefährdete Personen für einige Zeit die Stadt. Diese von den Kommunisten eingebrachte Forderung wurde jedoch auch von der Mehrheit der Linksradikalen abgelehnt.
Die meisten Beamten und Staatsangestellten blieben auf ihren Posten und unterhielten den Behördenapparat. Als beharrendes Element war dieses und die feindlich gesinnte Wirtschaft eine starke Belastung für die Revolution. Andererseits waren in die politischen Gremien Personen gewählt worden, die in ihrer Mehrzahl zwar guten Willens, aber fachlich völlig naiv waren.
Durch die Bewaffnung eines Teils der Arbeiterschaft fühlte sich die Garnison zurückgesetzt. Im Arbeiter- und Soldatenrat kam es zu derartigen Spannungen, daß die Stadt am 14. Januar 1919 an den Rand eines Bürgerkriegs geriet. Truppen der Garnison besetzten Brücken, den Bahnhof sowie den Marktplatz. Zwischen Marinesoldaten und Arbeitern kam es bei der AG "Weser" zu Schießereien mit Toten und Verletzten auf beiden Seiten. Wichtige Funktionäre wurden verhaftet. In den revolutionären Gremien herrschten Machtkämpfe und Autoritätslosigkeit. Hinzu kamen die Forderungen von Berufsgruppen, deren Ansprüche früher von den Linken unterstützt worden waren und jetzt an sie herangetragen wurden. An jedem Tag wurde demonstriert.
Bremen befand sich nicht nur in einer katastrophalen Wirtschaftslage, sondern auch in einer katastrophalen Finanzlage. Am 12. Januar teilte der Direktor der Generalkasse dem Vorsitzenden des Volkskommissariats mit, daß nur noch für längsten 14 Tage Gelder zur Verfügung stünden. Die Banken lehnten in einer Besprechung am 18. Januar mangels Vertrauen in die neuen Machthaber weitere Kredite ab, solange keine gewählte bremischeVolksvertretung bestünde. In Bremen Geld zu drucken, war sinnlos, da es außerhalb der Stadt sowieso nicht akzeptiert werden würde. Unter Widerspruch der Kommunisten, die ein parlamentarisches System grundsätzlich ablehnten, rangen sich die übrigen Mitglieder der Volksbeauftragten am nächsten Tag zu Wahlen für den 9. März 1919 durch. Dies kam einer Bankrotterklärung des Rätesystems gleich.
Inzwischen drohte der revolutionäre Elan im Reich zu erlahmen und das Militär gewann mit der Niederschlagung von linksradikalen Aufständen die Oberhand. Die Bremer Räterepublik geriet zunehmend in die Isolation. Nach vorangegangenen erregten Diskussionen und Abstimmungen in den verschiedenen Ausschüssen über ein Für und Wider zu den Wahlen zur Nationalversammlung wurde in Bremen am 19. Januar 1919 dennoch gewählt, wobei die Kommunisten die Wahl boykottierten. Die Radikalen erhielten eine schwere Abfuhr. Die Mehrheitssozialisten (MSPD) siegten mit deutlichen 42%, die USPD erhielt 18,2%, die bürgerliche Deutsche Demokratische Partei (DDP) erhielt 33,5%, alle anderen Parteien blieben unter 5%.
Am 20. Januar lehnten die Banken wiederum weitere Kredite ab, falls die Finanzdeputation nicht wiederhergestellt sowie der Belagerungszustand und die Vorzensur nicht aufgehoben würden. Am Nachmittag desselben Tages fand ein kommunistischer Putsch statt. Arbeiter entnahmen unter dem Protest der Soldaten Waffen aus den Depots der Kasernen in der Neustadt und besetzten öffentliche Gebäude und Banken in der Innenstadt. Sie wollten damit einen Kredit erzwingen, was jedoch nicht gelang. Die Aktion brach zusammen. Viele linksradikale Funktionäre waren vorher nicht unterrichtet worden und so wurde wieder endlos debattiert und gestritten, ohne daß etwas dabei herausgekommen wäre. Nur der Führer des Putsches, Karl Jörn, mußte von seinen Ämtern zurücktreten. Er ging nach Wilhelmshaven und inszenierte dort am 27. Januar weitere Unruhen. Zuvor proklamierte ein kommunistisches Zentralstreikkomitee einen Generalstreik für den kommenden Tag gegen die Reichsregierung und das Bankenkapital. Bis auf wenige Störungen fand der Streik jedoch keine große Beachtung.
Am 21. Januar erklärte die kommunistische Fraktion zunächst ihren Austritt aus dem Rat der Volksbeauftragten, widerrief den Entschluß jedoch, als auch die USPD unter diesen Umständen die Verantwortung für die Regierung allein nicht mehr tragen wollte. Auch in den Kasernen am Neustadtswall herrschte Chaos. Neben den beiden vom Rat der Volksbeauftragten eingesetzten Stadtkommandanten setzte sich selbstherrlich ein weiterer ein, ohne daß darüber Klarheit getroffen wurde. Schließlich entschloß sich der Arbeiter- und Soldatenrat zur Aufhebung der Vorzensur über die Presse. Mit dieser Freiheit verstärkten sich die Proteste bürgerlicher Gruppen gegen Behinderungen ihrer Arbeit durch politische Aktionen: der Ärzte, der Richter und Staatsanwälte, der Beamten und Angestellten. Am 1. Februar nahm der Arbeiter- und Soldatenrat die Schlußfassung der Verordnung für Wahlen zu einer bremischen Volksvertretung an. Die Voraussetzung zu einer friedlichen Liquidierung der Räterepublik wäre damit grundsätzlich gegeben gewesen.
Die Reichsregierung war nicht bereit, die Entwicklung abzuwarten und beschloß auf Druck bürgerlicher Bremer Kreise, der Bremer Räterepublik ein militärisches Ende zu bereiten. Am 27. Januar wurde Oberst Wilhelm Gerstenberg mit der Durchführung einer militärischen Operation beauftragt. Am 29. Januar trafen Soldaten der Reichsregierung in Verden ein, zu denen auch eine Freiwilligentruppe aus Bremen unter der Führung des Majors Caspari stieß. Auf Proteste des Rates der Volksbeauftragten, die um Aufklärung bat, ließ sich die Reichsregierung nicht ein. In Verhandlungen in Verden in der Nacht zum 30. Januar verlangte Hauptmann Danner von den Delegierten des Rates der Volksbeauftragten die Entwaffnung der Arbeiter, was diese als nicht durchführbar ablehnten.
Trotz Intervention von Arbeiter- und Soldatenräten aus Bremerhaven, Cuxhaven, Oldenburg und Hamburg vollzog sich der Aufmarsch auf beiden Seiten von Aller und Weser. Eine Resolution vom Nachmittag des 1. Februars, wonach dem Regiment 75 die Waffen der Arbeiter übergeben werden sollten und dieses die Ruhe und Ordnung in der Stadt garantieren könnte, wurde von Unterstützungsparolen auswärtiger Arbeiter- und Soldatenräte konteragiert. Obwohl es eine Autorität der Regierung in der Stadt kaum noch gab, von einem aktionsfähigen Verteidigungsplan ganz zu schweigen, wurde in den Gremien weiter über die Abgabe der Waffen, Alternativen und Widerstand debattiert. Man debattierte immer noch, als die Division Gerstenberg am 4. Februar bereits in Bremen einzog. Inzwischen hatten sich die Unterhändler der Reichsregierung in Verden mit der MSPD längst über Maßnahmen und eine Übergangsregierung bis zu Wahlen geeinigt. Als die Verhandlungskommission der Volksdelegierten am 3. Februar mit neuen Vorschlägen nach Verden kam, mußte sie unverrichteter Dinge wieder umkehren. Die Reichsregierung Noske hatte bereits einen endgültigen Entschluß gefaßt.
Der Aufmarsch der Division
erfolgte rechts der Weser auf der Linie MahndorfBorgfeld
Blockland und links der Weser ArstenKattenturmMoordeichKirch
Kurz danach erschien ein Aufruf von Oberst Gerstenberg, der den Oberbefehl in der Stadt übernommen hatte, in dem den friedlichen Bürgern Schutz für Leben und Eigentum garantiert wurde. Ansammlungen wurden vorläufig untersagt. In einem zweiten Aufruf verhängte die neue provisorische Regierung unter den MSPD-Mitgliedern Karl Deichmann als Vorsitzendem, Hermann Rhein, Wilhelm Dammer, Johann Wellmann und Karl Winkelmann den Belagerungszustand über das Stadt- und Landgebiet Bremen. Auf weiteren Flugblättern wurde alle Schuld an der Misere einer kleinen radikalen Gruppe zugeschoben und alle Männer und Frauen aufgerufen, am Aufbau mitzuhelfen. Die Zeitung "Der Kommunist" wurde verboten, die MSPD nahm die "Bremer Bürger-Zeitung" zurück. Am 6. Februar traten Senatoren und Deputationsmitglieder wieder ihre alten Positionen an. Die größte Keimzelle der radikalen Arbeiterschaft, die AG "Weser", fand man verlassen. Die rote Fahne am Gebäude wurde eingezogen und in den Baracken eine Wache einquartiert.
In den Auseinandersetzungen waren 24 Soldaten der Regierungstruppen gefallen sowie 28 auf Seiten der kämpfenden Arbeiter. Daneben starben auch Unbeteiligte, nämlich 18 Männer, 5 Frauen und 6 Kinder. Viele wurden verwundet.
Einige Linksradikale verbrachte man ins Gefängnis. Von den führenden Funktionären war Knief bereits wegen einer lebensbedrohenden Krankheit vorzeitig aus dem politischen Geschehen ausgeschieden. Frasunkiewicz, Ecks und Jannack tauchten unter. Henke hatte sich am Tage vor dem Angriff zu Verhandlungen mit der Reichsregierung nach Berlin begeben, er kehrte nicht nach Bremen zurück, sondern ging als Abgeordneter der Nationalversammlung nach Weimar.
Bei den Operationen nach dem
8./9. Februar in Bremerhaven wurde die Mannschaft der Minensuchflotte,
die sich auf die Seite der bewaffneten Arbeiter gestellt hatte, entwaffnet
und entlassen. Zu Widerstand kam es nicht. Die aktiven Linkssozialisten
wurden in Haft genommen. Waffen und Lebensmittel beschlagnahmt. Damit
war auch die Räteherrschaft in Bremerhaven zu Ende.
der Zeit, bevor Bremen eine Stadt wurde.
Über die Anfänge der Stadt
Bremen lassen sich nur Vermutungen anstellen. Wann hier, im inneren
Bereich des alten Stadtgrabens, zuerst gesiedelt wurde, darüber ist
nichts wirklich verbürgt. Daß aber im erweiterten Umfeld schon sehr
früh Menschen gewohnt haben, davon gibt es viele Spuren. Steinzeitmenschen
aus der Zeit um 150 000 v. Chr. hinterließen bei Lehringen im Kreis
Verden im Skelett eines Ur-Elefanten eine 2,40 m lange Lanze aus Ebenholz.
Schaber und Spitzen aus Stein wurden im Kies der Weser gefunden, Rastplätze
von Menschen aus der Späteiszeit vor ca. 10-12 000 Jahren bei Wildeshausen.
Großsteingräber aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. finden sich bei Osterholz-Scharmbeck,
Wildeshausen, Kleinenkneten und Rekum, Urnenfelder aus der Zeit ab 1
250 bis zum 8.
Jahrhundert v. Chr. im gesamten Küstengebiet. 1885 holte ein Bagger
einen römischen Stieltopf aus der Weser, ein römischer Messingeimer
fand sich 1890 in der Kleinen Weser, 1928 stieß man in der Lesum auf
einen Kammhelm aus Bronze, der gleichfalls aus dieser Völkerwanderungszeit
stammen dürfte.
Bild: Glaner Brätigam
Im zentralen Stadtgebiet Bremens aber wurde bisher nichts gefunden, was mit Sicherheit auf eine sehr frühe Besiedelung hindeuten würde.
Erst aus schriftlichen Überlieferungen der Römer wurde bekannt, daß der an der Unterweser siedelnde Stamm der germanischen Chauken oder Hauken, die auf Wurten siedelten, einige Jahre lang von Kaiser Augustus ( um die Zeitenwende) unterworfen worden war. Wo die Chauken geblieben sind, ist unbekannt. Wahrscheinlich haben sie sich mit den seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. aus Holstein vordringenden Sachsen vermischt, die hier in den nächsten Jahrhunderten die Führungsschichten bilden sollten.
Eine Siedlung, welche die Bezeichnung
Stadt verträgt, gab es wahrscheinlich nicht, obwohl Historiker immer
wieder Theorien darüber aufgestellt haben. Auch Sagen darüber, z.
B. von der Gluckhenne, werden von Generation zu Generation weitererzählt.
Eher gab es kleine Ansiedlungen zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert,
wie sie in Hemelingen, Mahndorf, Grambke und Rekum gefunden und
ausgegraben wurden.
Die 26 km lange, sich am rechten
Weserufer entlangziehende Düne eignete sich vortrefflich zur Besiedelung
und für die Anlage von Verkehrswegen. Sie verbindet zwei Geestflächen
miteinander.
Im Nordwesten eine bei Lesum und im Südosten eine andere bei Achim.
Selbst bei starkem
Hochwasser lag sie weitgehend trocken und dort, wo heute das Zentrum
der Stadt Bremen liegt,
führte sie so nahe an das Ufer der Weser heran, daß eine Überquerung
mittels Fähre oder einer Furt möglich gewesen sein muß.
Bild: Bremen Karte Vorgeschichte
Die Weser verlief hier in mehreren Armen, zwischen denen Inseln entstanden, die durch Furten miteinander verbunden
waren. Ein Nebenarm, die Balge,
umfloß ein Gebiet, das später das Tiefer- und Martiniviertel
aufnahm. Der Name Balgebrückstraße erinnert noch immer an den längst
zugeschütteten Weserarm. In der Balgemündung wurde 1925 ein versilberter
Spangenhelm aus der
Völkerwanderungszeit (4.-5. Jahrhundert n. Chr.) gefunden, 1862 in
der Baugrube der alten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Börse am Markt
(wo heute das Bürgerschaftsgebäude steht) Urnen, und beim Bau eben
dieses Bürgerschaftsgebäudes 1963 eine Feuerstelle, in der noch ein
Topf steckte. Die
Umbauarbeiten im Dom förderten alte Scherben zu Tage. Die Datierungen
all dieser Gegenstände sind jedoch unsicher und können nicht ohne
weiteres mit einer sehr frühen, dauerhaften Besiedelung in Zusammenhang
gebracht werden.Flurbezeichnungen sind oftmals sehr alt und geben Hinweise.
Das könnte auch für den Namen Bremen gelten, obwohl es hier wiederum
unterschiedliche Theorien gibt. Interessant ist eine Ableitung aus der
ältesten Form Bremun, lateinisch Brema und Bremae, lokativer Dativ
des Plurals Brem, was "an den Rändern" oder Singular "am
Rande" bedeutet. Lag da ein Flurstück oder eventuell doch eine
Siedlung am Rande der Düne? Heute wissen wir es noch nicht, aber vielleicht
taucht noch einmal ein ernstzunehmender Beweis auf.

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