Standardsprache

Standardsprache

Wechseln zu: Navigation, Suche  Dieser Artikel behandelt eine standardisierte Einzelsprache in ihrer Gesamtheit. Für die standardisierte Varietät einer Einzelsprache im Unterschied zu Dialekten, regionalen Umgangssprachen, Fachsprachen usw. siehe Standardvarietät.

 

 

Eine Standardsprache ist eine standardisierte Sprache, also eine Sprache mit all ihren Varietäten, die über mindestens eine Standardvarietät verfügt.Inhaltsverzeichnis  [Verbergen]

1 Definition

2 Andere Termini

3 Standardsprachen mit großem Abstand zur Alltagssprache

4 Auswahl des Sprachmaterials zur Standardisierung

5 Geplante Sprachen

6 Siehe auch

7 Literatur

8 Weblinks

9 Einzelnachweise

 

Definition [Bearbeiten]

 

Sprachliche Standardisierung umfasst unter anderem die Allgemeinverbindlichkeit einer sprachlichen Norm, deren Kodifizierung in Grammatiken und Wörterbüchern, die Verwendbarkeit der Sprache für alle wichtigen Lebensbereiche (Polyvalenz) sowie die dafür erforderliche stilistische Differenzierung. Diese Merkmale beziehen sich jeweils nur auf die Ausbildung eines bestimmten Standards und lassen z. B. die zu der Sprache gehörenden Dialekte unverändert; Näheres siehe unter Standardvarietät.

 

Welche Nichtstandardvarietäten, d. h. insbesondere welche Dialekte, einer bestimmten Standardsprache zugeordnet werden, wird nicht immer anhand sprachlicher Merkmale dieser Varietäten bestimmt. In der Soziolinguistik wird auch auf das Konzept der Überdachung zurückgegriffen (vgl. Dachsprache): Demnach gehört ein Dialekt dann zu einer bestimmten Standardsprache, wenn die Sprecher des Dialekts in offiziellen Situationen in diese Standardvarietät wechseln. Das gilt aber nur bei nahe verwandten Sprachen, wie beispielsweise der niederländischen und der hochdeutschen Standardsprache.

 

So werden (wurden) etwa auf beiden Seiten der deutsch-niederländischen/belgischen Staatsgrenzen die gleichen niedersächsischen bzw. niederfränkischen Dialekte gesprochen, aber unterschiedliche Dach- bzw. Schriftsprachen. In früheren Lexikonausgaben wurden die niedersächsischen, -fränkischen und friesischen Dialekte des Dialektkontinuums den niederdeutschen Mundarten zugeordnet und die Niederländer, Flamen und Westfriesen deshalb (auch) als Niederdeutsche mit eigener (niederdeutscher bzw. niederländischer) Schriftsprache bezeichnet.[1]

 

So werden etwa auf beiden Seiten der deutsch-französischen Staatsgrenze die gleichen oberdeutschen Dialekte gesprochen, aber (offiziell) unterschiedliche Dach- bzw. Schriftsprachen verwendet. In diesem Fall sind die Dialekte allein nach sprachlichen Kriterien dem Deutschen und die Dach-/Standardsprache dem Französischen zuzuordnen, da sich Dialekt- und Dachsprache als Fremdsprachen (westgermanisch zum Romanischen) gegenüberstehen – anders als beim Niederländischen zum (Hoch-)Deutschen (Kontinental-westgermanische Dialekte).

 

Anders als noch vor einem halben Jahrhundert, wo der Dialekt nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten (noch) die Hauptumgangssprache war, wird heute die Zahl der Dialektsprecher von Jahr zu Jahr zunehmend weniger. Die nachgeborenen muttersprachlichen Dialektsprecher erlernen früh die staatliche Standardsprache und benutzen in Schule und Beruf zumeist das „Hochländische” („Hochdeutsch”) bzw. das „Niederländische”.

 

Dieser Situation entsprechend, aber auch aus politischen Gründen, werden daher jene Dialekte, deren Sprecher bei Behörden oder gegenüber Fremden ins Standarddeutsche (Hochländische) wechseln, als deutsche Dialekte und jene Dialekte, deren Sprecher in diesen Situationen das Standardniederländische benutzen, als niederländische Dialekte bezeichnet.

 

Auch Standardsprachen sind oftmals, wie die Dialekte, plurizentrische Sprachen. So finden sich Varietäten des Standarddeutschen im gesamten nieder-, mittel- und oberdeutschen Sprachraum. Dagegen stehen die monozentrischen Sprachen.

Andere Termini [Bearbeiten]

 

Im Sinne von Standardsprache – das heute der akzeptierteste, da eindeutigste und unverwechselbarste Terminus ist – wird in der Sprachwissenschaft auch eine Reihe anderer Ausdrücke benutzt. Während Standardsprache selbst auf englisch »standard language« zurückgeht, sind die traditionellen deutschen Ausdrücke Schriftsprache (was allerdings auch im Sinne von geschriebener Sprache benutzt wird; vgl. auch Schriftdeutsch) sowie Hochsprache (vgl. auch Hochdeutsch). Nach dem Vorbild von französisch »langue littéraire« (und vor allem in der DDR wegen russisch »literaturnyj jazyk«) ist auch Literatursprache in Gebrauch (das jedoch mit der Sprache der Literatur verwechselt werden kann).

 

Gerade weil der Terminus Standardsprache sehr klar definiert ist, wird in Bezug auf historische Sprachen bisweilen ein Ausdruck wie Schriftsprache oder Literatursprache bevorzugt, da die vom Prager Linguistenkreis aufgestellten Merkmale der Standardisierung sich auf das 20. Jahrhundert beziehen und auf frühere Epochen schlecht übertragbar sind.

Standardsprachen mit großem Abstand zur Alltagssprache [Bearbeiten]

 

Manche (meist als Schrift- oder Literatursprache bezeichnete) Sprachen werden zwar geschrieben und gelesen, aber nicht oder nur sehr selten zur mündlichen Kommunikation gebraucht. Dies beruht auf einer Art Diglossie, bei der zwei sehr unterschiedliche Varietäten einer Sprache oder gar völlig verschiedene Sprachen verschiedene sprachliche Funktionen übernehmen.

 

Solche Literatursprachen können sein:

Alte nicht mehr gesprochenen Formen einer Sprache, die aber weiterhin geschrieben und gelesen werden und so ein wesentlicher Bestandteil der Kultur eines Volkes sind. Nicht selten dienen sie vor allem noch als Sakralsprache, Beispiele:

Altgriechisch im Mittelalter und in der Neuzeit

Latein im Mittelalter und in der Neuzeit

Etruskisch im alten Rom

Hocharabisch seit dem Mittelalter bis heute

Klassisches Chinesisch vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Sanskrit von etwa 500 v. Chr. bis in unsere Zeit

Hebräisch von der Antike bis heute (daneben seit dem 20. Jahrhundert auch als Alltagssprache verwendet, siehe Iwrit)

Talmud-Aramäisch seit dem Mittelalter bis heute

Mittelsyrisch für viele Ostkirchen

Nur als Dachsprache gebrauchte Formen einer Sprache. Beispiele:

Neuhochdeutsch von Martin Luther bis ins 18. Jahrhundert und teilweise noch bis heute (Schweiz)

Rumantsch Grischun als Dachsprache für die rätoromanischen Dialekte Graubündens seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Ladin Dolomitan als Dachsprache für die ladinischen Dialekte Südtirols und angrenzender Gebiete erst seit neuester Zeit.

Auswahl des Sprachmaterials zur Standardisierung [Bearbeiten]

 

In vielen Standardsprachen beruht die Standardvarietät auf einem einzigen Dialekt, oft dem der Hauptstadt (etwa beim Französischen dem von Paris oder beim Englischen dem von London). Die Frage, welcher Dialekt dem Standard zugrunde gelegt wird, wird nach italienischem Vorbild als questione della lingua bezeichnet.

 

Eine Standardsprache kann aber auch als „Kompromiss” verschiedener Dialekte geschaffen worden sein, so z. B. das Hochdeutsche des Mönchs Martin Luther, der für seine Bibelübersetzung aus mehreren mittel- und oberdeutschen Dialekten eine Standardsprache durch willkürliche Auswahl des Grundwortschatzes und durch eine an das Lateinische angelehnte bzw. diesem nachempfundene und an der höfischen Schreibweise Kursachsens angelehnte Grammatik geschaffen hat.

Geplante Sprachen [Bearbeiten]

 

(nicht zu verwechseln mit „Plansprachen”)

 

Zwar hat jede Standardsprache etwas Geplantes, aber einige zeichnen sich dadurch aus, dass sie erst in jüngerer Zeit unter Mitwirkung von Sprachwissenschaftlern ins Leben gerufen wurden:

die serbokroatische Sprache, neuerdings auch eine kroatische Sprache und eine bosnische Sprache

die malaiische und indonesische Sprache

das Filipino

die neugriechische Sprache in Form der „Reinsprache” Katharevoussa

Neuhebräisch ist eine Mischung verschiedener hebräischer Formen und zeichnet sich durch eine große Menge konstruierter Neologismen aus, zum Teil wurde auch die Grammatik verändert

Rumantsch Grischun

 

Umgangssprache

Wechseln zu: Navigation, Suche  Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

 

 

Die Umgangssprache, auch Alltagssprache, ist – im Gegensatz zur Standardsprache und auch zur Fachsprache – die Sprache, die im täglichen Umgang benutzt wird. Sie kann ein Dialekt sein oder eine Zwischenstellung zwischen Dialekt und Standardsprache einnehmen.

 

Der Begriff Umgangssprache hat auch die Bedeutung „nachlässige, saloppe bis derbe Ausdrucksweise“. In diesem Fall muss kein Zusammenhang mit einem Dialekt bestehen, sondern es soll allgemein der Gegensatz zu einer gepflegten Ausdrucksweise ausgedrückt werden.

 

Die Umgangssprache wird geprägt von regionalen und vor allem soziologischen Gegebenheiten wie dem Bildungsstand und dem sozialen Umfeld des Sprachbenutzers. Mitunter werden umgangssprachliche Ausdrucksformen auch synonym als „volksmundlich“ (in der Bedeutung von „Volksmund“) bezeichnet.Inhaltsverzeichnis  [Verbergen]

1 Ausgangslage

2 Allgemeines

3 Details

3.1 Hochsprache und Umgangssprache

3.2 Die Entwicklung der niederländischen Standardsprache

4 Umgangssprache und ständiger Sprachwandel

5 Einflüsse

6 Regionalsprachen, Umgangssprachen, Dialekte und Mundarten

7 Umgangssprache als Metasprache

8 Siehe auch

9 Literatur

10 Weblinks

11 Quellen

 

Ausgangslage [Bearbeiten]

 

Auch im deutschen Sprachraum gibt es keine standardisierte Hochsprache, die als Umgangssprache dient. Die lang andauernde historische Vielfalt regionaler Herrschaftsverhältnisse hat ihre Spuren in einem stark heterogenen (nicht standardisierten) umgangssprachlichen Sprechverhalten hinterlassen.

 

Weder ist die Hochsprache verbindlich festgelegt, noch sind umgangssprachliche Abweichungen hiervon verbindlich abgegrenzt. Es gibt keine staatlichen Institutionen der deutschsprachigen Länder, die dafür zuständig sein könnten. Der Normierung der hochdeutschen Standardsprache hat sich hier aber der Verlag Brockhaus verschrieben, der in Zusammenarbeit mit staatlichen und nichtstaatlichen Stellen unter dem Markennamen Duden Wörterbücher herausgibt. Sie erscheinen seit dem späten 19. Jahrhundert. Die Orientierung an Schreibformen des Dudens, beispielsweise für den Schulunterricht oder in den Druckmedien, ist eine freiwillige Entscheidung der Kultusminister der Länder, der sonstigen staatlichen Behörden und der Verlagshäuser (vgl. Rechtschreibreform). Darum kann nicht von einer verbindlichen Norm in der Hochsprache gegenüber einer fehlenden Norm in der Umgangssprache gesprochen werden.

 

Auch die nicht standardisierte Umgangssprache unterliegt einer gewissen Einheitlichkeit, die dadurch entsteht, dass sich ihre Sprecher an anderen Sprechern orientieren und sich anpassen. Im Unterschied zur hochdeutschen Standardsprache, bei der die schriftliche Orientierung meist an Wörterbüchern erfolgt, ist die vereinheitlichende Orientierung der verschriftlichten Umgangssprache diffus, wechselhaft und oft nicht eindeutig zu ermitteln. Diese Diffusität ist jedoch gleichzeitig die Quelle für ihren besonders für die Fortentwicklung der Standardsprache wichtigen lebendigen Wortreichtum.

Allgemeines [Bearbeiten]

 

Die Umgangssprache unterscheidet sich von der gehobenen Sprache, von öffentlicher Rede, Drama, Gedicht, aber auch dem Lexikonartikel sowie der Zwischenschicht von populärer gehobener Umgangssprache (Essay, Zeitungsartikel, Rundfunk- oder Fernsehsprache beziehungsweise „Fernsehdeutsch“).

 

Der Begriff „Umgangssprache“ wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Campe in die deutsche Philologie eingeführt.[1] Die Sprecher selbst nennen sie in der Regel nicht Umgangssprache, auch nicht, wenn beispielsweise Laien sonst (grammatisch etc.) korrekt Fachsprachen mit Spezialausdrücken (etwa der Medizinersprache, Technikersprache) ungenau nutzen. In solchen Fällen spricht man etwas spezifischer auch von der Jargonbildung.

 

Diskrepanzen zwischen der Umgangssprache und Fachsprachen sind nicht einheitlich. Sie sind vielmehr situations- und kontextabhängig. Es gibt unzweideutige, klar definierte Unterschiede, wegen unterschiedlicher Werte zwischen bestimmten Berufsgruppenangehörigen und Laien: Das Auseinanderklaffen heißt abwertend auch déformation professionnelle (etwa: „Fachidiotie“).

Beispiel: Ein medizinischer Befund ist für die Fachperson „negativ“, wenn er eine bestimmte Diagnose ausschließt. Der Patient hört es, fürchtet aber ggf. (aufgrund des umgangssprachlichen „negativ“) ein festgestelltes Übel.

 

Die Abkürzung ugs. bedeutet umgangssprachlich.

Details [Bearbeiten]

 

In der öffentlichen Wahrnehmung nimmt man öfter eine für die Sprachentwicklung als charismatisch geltende Sprachform als Ausgangsmaterial für die später sogenannten Hoch- und Umgangssprachen an. In Deutschland wird dies der Bibelübersetzung Martin Luthers nachgesagt, in Großbritannien dem Englisch des Königshauses, in Frankreich der Umgangssprache der Region von Paris, in Russland dem Werk des Nationaldichters Alexander Sergejewitsch Puschkin.

Hochsprache und Umgangssprache [Bearbeiten]

 

Der Prozess der Bildung, Fortentwicklung und Pflege einer Hochsprache beruht heutzutage in vielen Ländern auf einer ständigen Beobachtung der lebendigen Umgangssprache durch kulturelle Institutionen. Diese haben sich der Aufgabe selbst verschrieben, z. B. der Dudenverlag, oder sind staatlicherseits beauftragt, z. B. Kulturinstitute wie die Académie française oder die Accademia della Crusca. Für das Englische fehlt eine vergleichbare Einrichtung, abgesehen von einer gewissen Autorität der Ausdrucksweisen des britischen Königshauses oder von Absolventen der namhaften Universitäten.

 

Je nach nationaler Geschichte entwickelten sich Schrift- und Hochsprachen in den modernen Staaten höchst verschieden. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Bewertung des Stellenwerts der Umgangssprache und der Einfluss der für die Gestaltung der Hochsprache zuständigen Institutionen.

Die Entwicklung der niederländischen Standardsprache [Bearbeiten]

 

Die Entwicklung einer Hoch- oder Standardsprache lief in den Niederlanden anders ab als in Deutschland und in der Schweiz.

 

In den Niederlanden wurde eine umgangssprachliche Varietät des Niederfränkischen, das Teil des niederdeutschen Dialektkontinuums ist, seit dem 13. Jahrhundert in einem mehrere Jahrhunderte dauernden Prozess allmählich zur Hochsprache ausgebaut.

 

In Deutschland ging mit dem Ende der Hanse das durch diese weitgehend standardisierte Niederdeutsche zurück; heute ist jede Varietät des „Plattdeutschen” Umgangssprache und Dialekt. Das hochsprachliche Niederländisch, das eine größere sprachliche Nähe zum Plattdeutschen hat als Hochdeutsch, ist deshalb für hochdeutschsprachige Zuhörer mit Kenntnissen des Plattdeutschen umgangssprachlich vertraut.

 

Einen mit den Niederlanden vergleichbaren Schritt hat die Schweiz unterlassen: Sie hat weder eine umgangssprachliche noch eine dialektale Varietät standardisiert und zur Hochsprache ausgebildet. Offizielle Sprache im deutschsprachigen Gebiet ist das Hochdeutsch, mit einigen lokalen Eigenheiten, den Helvetizismen.

Umgangssprache und ständiger Sprachwandel [Bearbeiten]

 

Höhere Mobilität, Fremdenverkehr, Massenmedien, EDV, U-Musik und anderes beschleunigen heute die alltägliche Sprachentwicklung. Andererseits verlangsamen normierende Wirkungen des Fernsehens und aufgelockerte Dialektgrenzen den Wandel auch etwas.

 

Ohnehin lehnt sich die formelle Beschreibung einer Sprache an die Umgangssprache an. Die Hochsprache nimmt Elemente aus der Umgangssprache auf und verändert ihren Sprachgebrauch gegebenenfalls mit ihr, meist mit einer gewissen Verzögerung und nur zu einem geringen Teil. Anhand der lexischen Unterschiede zwischen beiden Sprachformen lassen sich oft Regeln der Entstehung von Wörtern gut beobachten, zum Beispiel wenn aus dem deutschen Wort „Lokomotive“ auch in der Schriftsprache allmählich die „Lok“ geworden ist. Dies ist zugleich ein Beispiel dafür, dass diese Art des Sprachwandels „chaotisch“ verlaufen und die Sprache unsystematischer machen kann, denn das Wort „Lok“ hätte man aussprachgerecht eigentlich „Lock“ schreiben müssen.

Einflüsse [Bearbeiten]

 

Stets prägen insbesondere Jugendsprache und andere Szenesprachen die Umgangssprache der folgenden Generation – wesentlich mehr als die auf speziellere Gruppen beschränkte etwa Soldatensprache, Gefängnissprache, Studentensprache, Bergmannssprache, Jägersprache, Fachsprachen usw

 

Redewendung

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Einen Bärendienst erweisen

(Illustration von Gustave Doré)

 

Eine Redewendung, auch Phraseologismus, Idiom oder idiomatische Wendung, ist eine feste Verbindung mehrerer Wörter („feste Wortverbindung“) zu einer Einheit, deren Gesamtbedeutung sich nicht unmittelbar aus der Bedeutung der Einzelelemente ergibt. Es handelt sich um den Spezialfall einer Kollokation.Inhaltsverzeichnis  [Verbergen]

1 Definition

2 Übertragene Bedeutung

3 Wortverbindungen und Wortschatz

4 Hinweise

5 Siehe auch

6 Literatur

7 Weblinks

 

Definition [Bearbeiten]

 

Die Vielfalt der alten wie der neuen Begriffe ergibt ein terminologisches Chaos. Nebeneinander werden folgende Termini gebraucht:

Redensart, Redewendung, stehende Wendung, fester Ausdruck, Ausdrucksweise, Phrase, Floskel oder Formel.

 

Das metaphorische Bild unterscheidet die sprichwörtliche Redensart von der bloßen Redewendung. Sprichwörtlich werden heißt, im kollektiven Bewusstsein üblich werden. Es geht um sprachliche Elemente, die nur reproduziert werden, um vorfabrizierte Formeln (englisch: „patterned speech“). Der Hörer weiß, dass er das Gesagte schon einmal gehört hat.

 

Das Wort Phraseologie bezeichnet dabei sowohl die Gesamtheit der in einer Sprache auftretenden Redewendungen als auch die sich damit befassende Wissenschaft. Eine phraseologische Einheit ist die Verbindung zweier oder mehrerer Wörter, die keine allein aus ihnen selbst erklärbare Einheit bilden. Als Beispiel kann man etwa die Redensart „ins Gras beißen“ verwenden: Es handelt sich bei ihr um eine ungewöhnliche Wortverbindung, die nichts mit Sätzen wie in den Apfel beißen oder ins Gras fallen zu tun hat - die Wendung hat die Bedeutung sterben und kann nicht durch Wendungen wie in die Wiese beißen oder ins Gras schnappen ersetzt werden, es sei denn, es geschieht als bewusste Veränderung oder Verfremdung der gebräuchlichen Formulierung.

Übertragene Bedeutung [Bearbeiten]

 

Der Sprachforscher Lutz Röhrich weist darauf hin, dass wörtliche und übertragene Bedeutung oft nebeneinander bestehen. So kann etwa der Satz „Der Ofen ist aus.“ zweierlei bedeuten:

Im Zimmer ist es kalt, weil der Ofen ausgegangen ist.

Das „Feuer“ (einer Beziehung) ist erloschen: Die Beteiligten wollen nichts mehr miteinander zu tun haben.

 

Das Verstehen setzt also zunächst die Kenntnis der Hintergründe voraus. Die Aneignung der Sprachbildlichkeit ist ein Prozess, der sich über einen großen Teil der Kindheit hinzieht und am Ende über ein ganzes Leben erstrecken kann. So vermag z.B. ein Nicht-Muttersprachler durchaus zu lernen, was die deutschen Worte „grün“ und „Zweig“ bedeuten, um aber zu erkennen, dass die Wendung „auf den grünen Zweig kommen“ „zu Wohlstand zu kommen“ heißt, bedarf es einer weit darüber hinausgehenden Vertrautheit mit dem Deutschen.

Wortverbindungen und Wortschatz [Bearbeiten]

 

Phraseologismen bestimmen die Spezifik einer Sprache stärker als der Wortschatz. Die Idiomatizität einer Wortverbindung zeigt sich daran, dass

der Austausch einzelner Elemente eine nicht systematische Bedeutungsveränderung ergibt: „jemandem einen Katzendienst erweisen“ gegenüber „jemandem einen Bärendienst erweisen“, „über der Hand“ gegenüber „unter der Hand“

es auch eine „wortwörtliche“ Lesart der Phrase gibt, für die die vorhergehende Regel nicht gilt.

 

Diese Wendungen werden unterschieden von den Gruppen der freien (unfesten) Wortverbindungen und den losen Wortverbindungen. In ungenauer Redeweise werden unter Redewendungen auch Sprichwörter, Redensarten, Funktionsverbgefüge und Zwillingsformeln subsumiert.

 

Oft enthalten sie ehemalige rhetorische Figuren, vor allem Metaphern. Fast immer sind sie aus sprachhistorisch älteren unidiomatischen („wortwörtlich gebrauchten“) Syntagmen entstanden. Die Unanalysierbarkeit der Bedeutung löst sich somit fast immer auf, wenn die Geschichte einer Redewendung nur weit genug zurückverfolgt werden kann. Redewendungen können (wie alle Wortschatz-Elemente) eine eingeschränkte regionale Verbreitung haben.

 

Mit dem Sprichwort gemeinsam hat die Redensart das einprägsame Bild, dessen Wortlaut unveränderlich ist. So heißt es „Maulaffen feilhalten“ und nicht „Maulaffen verkaufen“.

 

Literarische Zitate, die als Redewendungen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden haben, werden als geflügelte Worte bezeichnet.

 

Liste deutscher Redewendungen

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Die Liste deutscher Redewendungen führt vor allem Wortlaut, Bedeutung und Herkunft deutscher Redeweisen auf, deren Sinn sich dem Leser nicht sofort erschließt oder die nicht mehr in der ursprünglichen Form angewandt werden. Einige Redewendungen haben mehrere Deutungsversuche, von denen nicht alle wiedergegeben werden können. Auf eindeutige oder banale Redewendungen wie „von Kindesbeinen an“ oder „in der Versenkung verschwinden“ wird hier nicht eingegangen, ebenso wenig auf Fäkal- und Gossenjargon, reine Szenensprache (z.B. im Gefängnis, Drogenmilieu, Schulhof etc.) sowie Injurien.

 

Geflügelte Worte, also zur Redewendung gewordene literarische Zitate, stehen in der Liste der geflügelten Worte.

 

Der Wortlaut dieser Beiträge wird alphabetisch, wo vorhanden nach dem ersten Substantiv sortiert, darunter die Bedeutung und die regionale Verbreitung möglichst knapp erläutert.

 

Inhaltsverzeichnis 0–9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

 

 

0–9 [Bearbeiten]

 

 

Das Maschinengewehr Typ MG 08/15 war das Standard-MG der Deutschen im Ersten Weltkrieg

08/15 (Gesprochen: Null-acht-fünfzehn) — Mittelmäßig, einfach, gewöhnlich, standardisiert.[1]

A [Bearbeiten]

Das A und O — Das Wesentliche, Wichtigste, bleibend Gültige. Das griechische Alphabet beginnt mit Alpha (= A) und endet mit Omega (= O). Siehe auch: Alpha und Omega. Sprichwörtlich geworden durch den Bibelvers „Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr …“ (Offb 1,8 EU)

Jemandem eine Abfuhr erteilen — Ihn in der Rede / in einer Auseinandersetzung schlagen, oder aber auch: ihm eine Bitte abschlagen. Aus der Studentensprache, wo der in der Mensur unterlegene „Paukant“ aus dem Saal geleitet/abgeführt wird.

Etwas abklappern — Alles absuchen. Bei der Treibjagd wurde das Wild mit Holzklappern aus dem Unterholz gejagt.

Etwas abkupfern — Nachahmen, kopieren, plagiieren. Der Kupferstich war in der früheren Neuzeit die führende Technik zum Vervielfältigen von Bildern.

 

Lazarus und der reiche Mann. In der Mitte rechts eine Darstellung von Abrahams Schoß. Evangeliar von Echternach, ca. 1035-1040.

Sicher wie in Abrahams Schoß — Sich fühlen wie im Paradies. Nach dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus in der Bibel (Lk 16,19–31 EU).

Da warst du noch in Abrahams Wurstkessel — Da warst du noch nicht gezeugt. Vermutlich nach dem Hebräerbrief im Neuen Testament. Darin ist die Rede davon, dass Levi zu der Zeit, als sein Urgroßvater Abraham dem Hohepriester Melchisedek begegnete, noch „in Abrahams Lende“ war.

Sich etwas abschminken — Eine Tätigkeit wird unterlassen. Zumeist antwortend nach Aufforderung. Das kannst du dir abschminken.

Mit Ach und Krach — Gerade eben noch. Verkürzung von „mit Ächzen und Krächzen“.

Sich vom Acker machen — Sich davonstehlen. Im Soldatenjargon wurde das Übungsgelände auch Acker genannt. Wer sich vom Acker machte, der drückte sich und war nicht selten fahnenflüchtig.

Jemanden zur Ader lassen — Ihn finanziell „erleichtern“, ausbeuten. Bader beherrschten die Kunst des Aderlasses und des Schröpfens, die sie sich gut honorieren ließen.

Aussehen wie ein Affe auf dem Schleifstein — ungewöhnliche oder unbequeme Fortbewegungsart, vor allem in Verbindung mit Zweirädern; seltsame Sitzposition. Abgeleitet vom dressierten Affen eines Scherenschleifers

Den Affen für jemanden spielen — Du kannst nicht alles mit mir machen. Auf Jahrmärkten traten früher häufig Gaukler mit Tieren wie Affen auf, die alle möglichen Kunststücke vorführen mussten, für die sie teilweise schikanös dressiert worden waren

Dem Affen Zucker geben — im Rausch ausgelassen lustig sein (Bei Theodor Fontane kommt die Wendung mehrfach vor, Da habe ich demissioniert und dem Affen meiner Eitelkeit das Zuckerbrot gegeben.)

Den Affen loslassen — lustig sein, sich einen vergnügten Tag machen

Ein Affentheater aufführen — ein übertriebenes Gebaren zeigen

Einen Affenzirkus veranstalten — viel Getue

Einen Affen sitzen haben — betrunken sein (angebliche Trunksucht des Affen oder Affen = Tornister der Soldaten)

Sich einen Affen holen — sich betrinken

Ich denke, mich laust (kratzt) der Affe. — Ausdruck hochgradiger unangenehmer Überraschung (Die Redewendung ging im 19. Jahrhundert von Berlin aus, wo die Wendungen „Ik denke, der Affe laust mir“ gängig war.)

Sich zum Affen machen — sich lächerlich machen

Affenliebe — übertriebene Liebe

Affenschande — offenbare Schande

Drei Affen — „nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“

Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche — darauf kannst Du Gift nehmen! Mit Amen (frei übersetzt aus dem hebräischen: so soll es sein) enden liturgische Gebete, also mit Sicherheit kommt dieses Wort in jedem Gottesdienst einige Male vor

Der Amtsschimmel (wiehert) — Die Bürokratie zeichnet sich durch Umständlichkeit und Prinzipienreiterei aus. Hat nichts mit dem Pferd zu tun, sondern ist eine Verballhornung des Wortes „Simile“ (lat. similis = ähnlich) für ein Musterformular in Österreich, nach dem die einzelnen Vorgänge bearbeitet wurden. Dieses musste vielen Situationen gerecht werden und war daher entsprechend umfangreich.[2]

Anglerlatein — siehe Jägerlatein

Äpfel mit Birnen vergleichen: — Unvergleichbares miteinander vergleichen.

In den sauren Apfel beißen: — Etwas Unangenehmes notgedrungen tun.

Etwas für einen Apfel und ein Ei (ver)kaufen: — Etwas spottbillig erwerben. Äpfel und Eier kosten relativ wenig.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm (Varianten: Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd. Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum): — Wie der Vater so der Sohn.

Apfel der Zwietracht, Zankapfel: — Zentraler Punkt einer Auseinandersetzung.

Sich ein Armutszeugnis ausstellen — Das Armenrecht ermöglichte nach Vorlage einer Bescheinigung der Wohngemeinde, Armutszeugnis genannt, und bei hinreichender Erfolgsaussicht das vorläufig kostenlose Führen eines Zivilprozesses.

Sich etwas aus dem Ärmel schütteln — Etwas erfinden, sich etwas schnell ausdenken, um sich aus einer schwierigen Situation zu befreien. Kommt aus dem Kartenspiel, da man schummeln kann, indem man gute Karten in seinem Ärmel versteckt, um sie, wenn man dann ein schlechtes Blatt hat, unbemerkt „aus dem Ärmel zu schütteln“. Eine noch ältere Deutung besagt, dass zu Zeiten, als die Gewänder weite Ärmel hatten, darin nicht nur die Hände gewärmt, sondern auch kleinere Gegenstände darin verstaut werden konnten. Letztere konnte man wieder aus dem Ärmel schütteln.

Noch ein Ass im Ärmel haben — Etwas Großes/ein überzeugendes Argument zurückhalten, um es im richtigen Moment zur Überraschung (anderer) einzubringen.

Man sollte ihn mit Argusaugen bewachen — Man sollte ihn dauernd gut beobachten. Argos, in der griechischen Mythologie von Hera beauftragt, Io zu überwachen, damit es nicht zu einem Schäferstündchen mit ihrem Gatten Zeus kommt, hatte 100 Augen, von denen immer welche wach blieben, während die anderen schliefen, wurde deshalb durch Hermes getötet.

Sich den Arsch aufreißen — Vulgär für „sich sehr anstrengen, sich sehr große Mühe geben“

Am Arsch der Welt. Derb für: Abseits der Zivilisation, abgelegen. Umschrieben auch: Wenn die Welt einen Einlauf bräuchte, dort würde er gemacht.

Jemand/etwas geht jemandem am Arsch vorbei — vulgäre, betonte Form des Egalseins

Asche auf dein Haupt! — Schäme Dich! meist eher ironisch verwendet. Oft auch in der Version, sich Asche aufs Haupt streuen. Abgeleitet von in der Bibel geschilderten Trauerriten (1 Makk 3,47 EU).

Das Auge des Gesetzes — Die Wendung das Auge des Gesetzes wacht findet sich in Schillers Lied von der Glocke.

Ein Auge auf jemanden werfen — Gefallen an jemandem oder etwas finden. Diese Wendung stammt aus der Geschichte von Susanna im Bade, einem apokryphen Text der Bibel im Buch Daniel. Dort heißt es: „Und als die beiden Ältesten sie täglich darin umhergehen sahen, entbrannten sie in Begierde nach ihr und wurden darüber zu Narren und warfen die Augen so sehr auf sie, dass sie nicht mehr zum Himmel aufsehen konnten und nicht mehr an gerechte Urteile dachten.“ (Dan 1,8 f. EU)

Einen Augiasstall ausmisten — Großen Dreck oder Unordnung beseitigen. Herakles brachte es nach der griechischen Sage fertig, in kürzester Zeit die Ställe des Augias, in denen 3000 Rinder gehalten worden sein sollen, von allem Unflat zu reinigen.

Etwas ausbaden müssen — Für etwas übermäßig oder ungerechtfertigt bestraft werden. Bis in die Neuzeit war es nicht unüblich, dass mehrere Personen nacheinander das gleiche Badewasser benutzen mussten. Die letzte Person in der Reihenfolge bekam das kühlste und schmutzigste Badewasser und musste zudem noch ausbaden, d. h. sie musste auch die Wanne reinigen und an ihren Platz zurückbringen.

Ein Ausbund von/an Frechheit (Schlechtigkeit, Tugend, Güte, Gelehrsamkeit) sein — Sich in der besagten Disziplin besonders hervor tun. Als Waren noch in undurchsichtigen und häufig unbedruckten Behältnissen verkauft wurden, wurde oft ein für das Auge besonders hübsches Warenmuster daran angebunden.

Jemanden ausstechen — Ihn übertreffen oder verdrängen. In den Ritterturnieren wurde Sieger, wer seinen Gegner aus dem Sattel stach.

B [Bearbeiten]

Sich wie ein Backfisch benehmen — Albern oder noch unreif sein. Backfische sind Fische, die wieder ins Wasser zurück (back) geworfen wurden, weil sie als Fang noch zu klein waren. Diese Bezeichnung wurde auf unreife Mädchen übertragen. („Mit 14 Jahren und sieben Wochen ist der Backfisch ausgekrochen.“ Sprichwörtlich um 1900)[3]

Nur Bahnhof verstehen — Nichts verstehen oder verstehen wollen. Aus der Soldatensprache, wo die Soldaten nach Jahren des Krieges nur noch das Wort „Bahnhof“ = Heimfahrt hören wollten.

Es wurde auf die lange Bank geschoben. - Die Bearbeitung/Erledigung wurde stark verzögert. Vermutlich aus der Gerichtssprache, wo Prozesse häufig sehr lange dauer(te)n. Bank ist hier wohl gleichzusetzen mit dem später für die Verwahrung von Prozessakten üblichen Aktenschrank.

Mit harten Bandagen kämpfen - Unerbittlich und hart kämpfen. Vor der Zeit der Boxhandschuhe bzw. der Queensberry-Regeln kämpften die Boxer mit Bandagen um die Fäuste. Der Schutz war nur sekundär. Je fester die Bandagen gewickelt waren, desto härter traf der Fausthieb.[4]

Ich bin doch nicht die Bank von England — Ich kann nicht alle Wünsche erfüllen. Die Bank of England war lange Zeit der Inbegriff unermesslicher Reserven, als Großbritannien noch Weltmacht war.

Dort steppt/tanzt der Bär — Dort ist etwas los, dort passiert etwas.

Jemandem einen Bären aufbinden — Ihn anlügen oder ihm etwas vormachen. Vom altdeutschen Wort bar, was so viel wie Last oder Abgabe bedeutete.[5]

Jemandem einen Bärendienst erweisen — Eine schlechte Hilfe erweisen, die häufig das Gegenteil des Angestrebten bewirkt. Vermutlich nach einer Tierfabel des französischen Autors Jean de La Fontaine, in der ein gezähmter Bär seinen Herrn erschlug, weil er ihm die lästigen Fliegen abwehren wollte.[6]

Wissen, wo der Barthel den Most holt (auch Bartel oder Bartl) — Bescheid wissen. — #Aus der Gaunersprache, wo Barzel=Eisen oder Stemmeisen bedeutet und Most (Moos) =Geld. Also wissen, wo man mit dem Stemmeisen Geld holen kann. — #Ironische Anspielung auf den biblischen Barthel (= den Jünger Bartholomäus) als Zeugen des Weinwunders der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1–12 EU): Es gibt keine „neutralen“ Zeugen der Verwandlung, die Jünger allein wissen, wo der Wein wirklich herstammt. — Schweizerdeutsch sagt man: Jemandem zeigen, wo der „Bartli“ den Most holt (einem „Missetäter“ Mores lehren). Letztere Bedeutung ist auch im Schwäbischen bekannt.[7]

Ein Bauernopfer bringen — Sich von etwas/jemandem trennen, um seine eigene Position zu retten. Vom Schachspiel entlehnt, in dem Bauern die schwächsten Figuren sind, die man bei Gefahr gerne opfert, um eine wichtigere Figur zu retten.

Es wurde in Bausch und Bogen verworfen — Es wurde uneingeschränkt abgelehnt. Aus der Flurvermessung, wo die nach außen verlaufende Grenze als „Bausch“ (d. h. Gewinn), die nach innen verlaufende als „Bogen“ (d. h. Verlust) bezeichnet wird. Ein heute üblicher Ausdruck für „in Bausch und Bogen“ ist das Wort „à forfait“. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts wird in der Kaufmannssprache der Begriff „in Bausch und Bogen“ auch für den Warenhandel belegt und bedeutet allgemein „vollständig“ oder „ganz und gar“. Aus dem „Bausch“ entwickelte zu pauschal (lat. pauschalis). Der lateinische Begriff per aversionem entspricht inhaltlich in „Bausch und Bogen“. Auch im Handelsgesetzbuch wird der Begriff in § 616 verwendet.

Ich bin bedient — Ich fühle mich schlecht behandelt; ich habe genug davon.

Über dem Berg sein — die schlimmste Phase von etwas (wie Krankheit) überwunden haben. Vom Umstand abgeleitet, dass die Besteigung eines Hügels bis zum Erreichen des Gipfels schwieriger ist, als der Abstieg.

Kämpfen wie ein Berserker — Sich ungestüm und eher unvernünftig verhalten. Aus den nordischen Sagen abgeleitet, wo die „Bärenhäuter“ ohne Schild und Vernunft drauf los schlugen.

Gut beschlagen in etwas sein — Kenntnisreich sein in einer Sache. Pferde erhalten vom Hufschmied ihr Hufeisen angepasst, sie werden beschlagen

Da fress ich einen Besen (oft ergänzt: samt der Putzfrau) — es ist absurd, äußerst unwahrscheinlich, dass es so ist oder eintreten wird

Der Bien (der) muss! — Eine Sache muss unter allen Umständen erledigt werden. Die Herkunft dieser erstmals 1849 belegten Redewendung ist strittig.

Hinter die Binde kippen — Alkohol trinken (auch: auf die Lampe gießen, die Gurgel ölen, einen schmettern, einen zur Brust nehmen)

In die Binsen gehen (auch durch die Binsen gehen) — Verloren gehen. Aus der Jägersprache, wenn Wildgeflügel sich ins rettende Schilf flüchtete, wohin der Jagdhund nicht folgen konnte.

Das ist eine Binsenweisheit (auch Binsenwahrheit) — Das versteht sogar der Dümmste. Die römischen Komödiendichter Terenz und Plautus sprachen von „Knoten in den Binsen suchen“, also nach Schwierigkeiten, die gar nicht vorhanden sind.

Der Blanke Hans — Ein Synonym für die Nordsee, vor allem für ihre Gefahren durch Sturmfluten.

Er nahm kein Blatt vor den Mund — Er wurde sehr deutlich in seinen Worten, las jemandem die Leviten. Aus der Theatersprache, wo in der Antike in den Zeiten vor der Theatermaske ein Feigenblatt das Gesicht des Schauspielers verbarg, so dass dieser für seine Worte nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte.[8]

blaumachen — Schwänzen, ohne triftigen Grund nicht zur Arbeit/Schule erscheinen. Wahrscheinlich abzuleiten aus Blauer Montag, der ursprünglich liturgisch begründeten Bezeichnung für die arbeitsfreien Fastenmontage der Handwerker.[9]

blau sein — Betrunken sein.

 

Satirische Zeichnung von Thomas Rowlandson (1756–1827), Zusammenbruch des Blaustrumpfklubs (1815)

 

Blümchenkaffee

Ein Blaustrumpf sein — Spottname für eine gelehrte (intellektuelle, „emanzipierte“) Frau, die ihre (biologischen) „weiblichen Vorzüge“ in den Hintergrund stellt. Die Blaustrümpfe waren eine Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts die den Grundstein der Suffragetten, einer Organisation in den USA und Großbritannien die sich für das Frauenwahlrecht einsetzten, legten.

Ach du heilig’s Blechle! — Schwäbischer Ausruf von (meist freudiger) Überraschung. Betteln war einst in Württemberg verboten, außer man konnte zum Zeichen der amtlichen Erlaubnis eine entsprechende Blechmarke vorweisen. Heute meint der Schwabe mit dem Heilig’s Blechle häufig sein Auto.[10]

Er geht ran wie Blücher an der Katzbach — Offensiv, mutig, ungestüm. Nach dem Beispiel von Gebhard Leberecht von Blücher, preußischer Generalfeldmarschall, der durch seine Bereitschaft zur Offensive die Schlacht an der Katzbach zu seinem Gunsten entschied.

Blümchenkaffee ist sehr dünn geratener Kaffee, bei dem man noch das am Grund der Kaffeetasse aufgemalte Blümchen gut erkennen kann. Variante ist der „Schwerterkaffee“, bei dem man sogar das Signum der Meißener Porzellanfabrik auf der Unterseite der Tasse erkennen kann. Scherzhaft wird es genutzt als „Doppelschwerterkaffee“, bei dem die Schwerter der Unterseite der Untertasse durchscheinen.

Etwas durch die Blume sagen — Etwas nur andeutungsweise, indirekt oder kryptisch kundtun. Im Barock war es unschicklich sich offen der Dame seines Herzens zu nähern. Für diesen Zweck gab es eigene Sofas mit zwei Sitzflächen Rücken an Rücken. Wollte man sich nun ungestört unterhalten, besprach man dies tuschelnd hinter dem Fächer. So konnte keine Anstandsdame etwas aussetzen. Auf der Rückenlehne standen oft Blumengestecke, daher sprachen die Tuschler durch die Blume.

Blut und Wasser schwitzen — Ich hatte große Angst, ob alles gut ausgeht. In Anspielung auf die Todesangst Jesu im Garten Gethsemane am Abend vor seiner Kreuzigung (Lukas 22,44 EU).

Einen Bock schießen — Einen Fehler begehen, eine Dummheit machen. Aus der Schützensprache, wo ein Fehlschuss als „Bock“ bezeichnet wird.

Den Bock zum Gärtner machen — Den Ungeeignetsten für eine Position auswählen. Ziegenböcke sind nicht gerade zimperlich, die schönsten Pflanzen zu fressen.

Jemanden ins Bockshorn jagen — Jemanden in die Enge treiben, einschüchtern, verunsichern oder auf eine falsche Fährte locken. — :Zur Ungewissheit der Herkunft siehe: Bockshorn (Redensart)

Das sind böhmische Dörfer für mich — Das ist mir ganz und gar unbekannt oder das verstehe ich nicht. Als Böhmen noch zur Donaumonarchie gehörte, verstanden viele Landeskinder das dort gesprochene Tschechisch bzw. deren (tschechischen) Ortsnamen nicht

Er erhielt Brandbriefe von allen Seiten — Er wurde von vielen Seiten um dringende Hilfe gebeten. Brandbriefe wurden bis ins 19. Jahrhundert von Behörden an Menschen ausgehändigt, die beispielsweise durch Brand ihre Habe verloren hatten. Der Brandbrief war somit die amtliche Erlaubnis, Dritte um Spenden bzw. Baumaterial anzugehen. In einigen Gegenden war er jedoch das Synonym für Erpresserbriefe, in denen für den Fall der Nichtbeachtung materielle Schäden angedroht wurden. Heute meist benutzt, um die Dringlichkeit einer Bitte herauszustellen

Er hat den Braten gerochen — Er wurde rechtzeitig stutzig oder aufmerksam. Geht zurück auf eine Fabel, in der ein Bauer ein Tier zum Essen einlädt, das aber an der Schwelle kehrt macht, weil es aus der Küche den Duft eines gebratenen Artgenossen in die Nase bekommt

Er hat ein Bratkartoffelverhältnis mit jemandem — er lebt mit jemandem in wilder Ehe zusammen. Angeblich im Ersten Weltkrieg entstandener Ausdruck, der ein kurzfristiges Liebesverhältnis anzeigen sollte, bei dem die damit einhergehende Verköstigung keine unwesentliche Rolle spielte. Heutzutage noch gelegentlich verwendet, um ein uneheliches Zusammenleben auf Zeit zum Ausdruck zu bringen

In die Bresche springen — Helfend eingreifen, um jemanden zu schützen. Bei Sturmangriffen auf eine belagerte Stadt galt es, Breschen – Lücken – in die Stadtmauern zu schießen, um eindringen zu können. Nur mit größter Gefahr für das eigene Leben konnten solche Breschen wieder geschlossen werden.

Dicke Bretter bohren (müssen) — Große Anstrengungen unternehmen, bis man ein Ziel erreicht. Wer dagegen gern schnell aufgibt oder kurzatmig-oberflächlich denkt, wird als Dünnbrettbohrer bezeichnet.

Ein Brett vor dem Kopf haben — Etwas offensichtliches nicht verstehen; auch: begriffsstutzig sein. Kommt aus dem Mittelalter, wo die Menschen den als dumm geltenden Ochsen Bretter vor die Köpfe gehängt haben, damit sie nicht erschrecken oder abgelenkt werden.

Darauf gebe ich dir Brief und Siegel — Du kannst sicher sein, dass es stimmt. Brief leitet sich ab vom lat. Wort „breve“ = kurz. Als amtliches Dokument taugte ein Brief vor Gericht nicht, wenn er nicht auch ein Siegel trug.

Den Brief wird er sich nicht hinter den Spiegel stecken — Jemandem einen unangenehmen Brief schreiben. Angenehme Briefe wurden früher gerne halbverdeckt hinter dem schräg gestellten Spiegel aufbewahrt, damit auch andere einen Blick darauf werfen konnten.

Er muss jetzt kleine(re) Brötchen backen — Er hat gegenüber bisher eine erheblich schlechtere Position.

In die Brüche gehen — Zu Ende gehen, in Schwierigkeiten geraten. Heute meist im Zusammenhang mit Ehe und Freundschaft benutzt. Bruch bedeutet hier Sumpf oder Moor, in dem man leicht untergehen konnte. Flüchtete angeschossenes Wild in die Brüche, war es für den Jäger meist verloren. Eine weitere Deutung: Als bruech oder bruch (mhd.) bezeichnete man im Mittelalter eine (Unter-)Hose. Wenn also etwas in die bruech geht, geht es in die Hose. Eventuell ist dieser Ausspruch auch entstanden aus es geht um die bruech, also der Kampf darum, wer die Hosen an hat (siehe Geschichte des Sire Hain und seiner Frau Anieuse). Diese Deutung würde auch der heutigen Bedeutung sehr nahe kommen.

Jemandem goldene Brücken bauen — Ihm die Möglichkeit bieten, unbeschadet aus einer misslichen Situation zu entkommen.

Alle Brücken hinter sich abbrechen — Alle Verbindungen dauerhaft brechen, indem man sich den Rückweg bewusst selbst verbaut.

Er redet wie ein Buch — Er redet ununterbrochen. Es ist, als ob er aus einem Buche vorliest.

Wie es im Buche steht — Mustergültig, vorbildlich. Mit „Buch“ ist die Bibel gemeint, in der viele Weisheiten versammelt sind.

Rutsch mir doch den Buckel runter! — Hör auf mich zu nerven! / Lass mich in Ruhe! Das Götz von Berlichingen Zitat in eher dezenter Form zitiert

Bei jemandem auf den Busch klopfen — Etwas vorsichtig zu ergründen versuchen. Aus der Jägersprache, wo die Treiber durch Schläge gegen die Büsche das Wild aufscheuchen und vor die Flinte der Jäger zu treiben versuchen

Alles in Butter — alles in Ordnung. Wohl herrührend von der im Gegensatz zur Butter als pejorativ bewerteten Margarine. Wertvolle Güter, wie zum Beispiel Porzellan, wurden früher in Kisten mit flüssiger Butter eingegossen. Nach dem Erstarren der Butter waren diese beim Transport vor dem Zerbrechen geschützt.[11]

Er lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen — Er ist selbstbewusst, lässt sich nicht beirren oder übervorteilen oder unterbuttern

Da muss noch mehr Butter bei die Fische — da gehört noch mehr (auch an Information) dazu (beigetragen), oder auch: bitte keine halben Sachen!

Jemandem etwas aufs Butterbrot schmieren — Ihm (in der Öffentlichkeit) seine Meinung sagen. Wohl gleichbedeutend die regionale rheinische Version: jemand sagen, was die Butter giltet.

C [Bearbeiten]

Einen Gang nach Canossa machen — unter demütigenden Bedingungen Abbitte leisten. Im Jahre 1077 musste König Heinrich IV. ins italienische Canossa reisen, um dort von Papst Gregor VII. die Aufhebung des Kirchenbannes zu erbitten.[12]

Die Chemie zwischen den beiden stimmt nicht — die zwei kommen nicht miteinander klar. Bezieht darauf, dass manche Stoffe ihrer Natur nach chemisch nicht oder nicht wie gewünscht miteinander reagieren können.

Cherchez la femme — Sucht die Frau! (Diese französische Wendung bedeutet „Da steckt sicher eine Frau dahinter!“)[13]

Er hat nicht alle auf dem Christbaum — er ist nicht richtig im Kopf

Die Chuzpe haben — die Frechheit haben (Das jiddische Wort Chuzpe bedeutet neben anderem auch Frechheit.)

D [Bearbeiten]

Das kannst Du halten wie der auf dem Dach (auch: „…wie ein Dachdecker“) — mach, was Du willst, es ist mir egal.

Jemandem aufs Dach steigen — jemanden schelten oder bestrafen. Wurde jemand im Mittelalter aus der Gemeinschaft ausgestoßen oder sollte bloßgestellt werden, deckte man sein Dach ab

Er hat einen Dachschaden — er ist geistig nicht ganz normal

Unter Dach und Fach bringen — Das Wesentliche fertigstellen. Dach und Fach waren ursprünglich die wesentlichen Teile eines (Fachwerk)-Hauses.

Etwas aus Daffke tun — etwas aus Trotz oder Mutwillen tun. Bei dieser Berliner Redensart wurde das deutsche Wort „Trotz“ durch das jiddische „davko“ = sicher ersetzt.

Etwas erweist sich als ein Dauerbrenner — etwas erweist sich als ein Dauererfolg. Der Begriff leitet sich von Öfen mit lang brennendem Heizmaterial wie Briketts her

Jemandem die Daumenschrauben anziehen oder ansetzen — ihm kräftig zusetzen. Bis in die Neuzeit war es üblich, im hochnotpeinlichen Verhör durch das Quetschen von Fingern die Wahrheit zu erpressen. Erst die Aufklärung machte diesen Verhörmethoden in zivilisierten Staaten ein Ende

Ei der Daus! — Ausdruck der Verblüffung, des Zorns oder der Verwunderung. Der/das Daus ist im deutschen Kartenspiel das Ass, also die höchste Spielkarte. Vermutlich hat der Ausdruck aber dennoch nichts damit zu tun, sondern vielleicht eher mit dem niederdeutschen “Dus” für Tausend. Daus könnte auch vom mittellateinischen Wort „dusius“ = Dämon abstammen und einem Ausruf wie Oh, mein Gott nahe kommen.

 

Adi Holzer: Lebenslauf (1997). Adi Holzer vergleicht das Leben mit dem ausbalancierten Drahtseilakt eines Seiltänzers.

Unter einer Decke stecken — Im Geheimen mit jemandem zusammenarbeiten. Aus dem germanischen Eherecht, wonach die Ehe als geschlossen galt, wenn sich die Neuvermählten in Gegenwart von Zeugen unter eine gemeinsame Decke begaben

Einen Denkzettel verpassen — Jemanden eine Lektion erteilen.[14]

Mit jemandem durch dick und dünn gehen — In guten und schlechten Zeiten zu ihm halten. Die Redewendung verträgt sich aber nicht mit:

Wenn es dick kommt — Wenn es schlimm wird

Hier herrscht dicke Luft - Die Stimmung ist schlecht oder bedrückend. Auch als Synonym für Smog (im Sinne von stickig und angefüllt mit Teilchen) verwendet. Dick ist bezüglich der Stimmung im Sinne von dicht gebraucht[15], denn dichte, komprimierte Luft kann explosionsartig entweichen. Dicke Luft meint im Landserjargon auch Trommelfeuer.[16]

Auf Draht sein — Aufmerksam, wachsam sein. Rasch einen Vorteil erkennen. Aus der Telefon-/Telegrafensprache abgeleitet

Einen Drahtseilakt vollführen — Große, nach außen kaum sichtbare Anstrengungen unternehmen, um ein hoffnungsloses Unternehmen zum guten Ende zu führen. Aus der Zirkuswelt, wo gewagte Drahtseilakte die Höhepunkte der Vorstellung sind

Er war der Drahtzieher in der ganzen Geschichte — Er steuerte im Verborgenen die ganze Sache. Der Drahtzieher ist hier eine Person, die - selbst unsichtbar - eine Marionette an Fäden oder Drähten bewegt.

Standardsprache